Schreiben nach Engelbart

Abstract

Douglas Engelbart hat 1968 mit seinem On-Line System das erste Mal gezeigt, wie ein Computer als interaktives Schreibwerkzeug genutzt werden kann. Der Beitrag zeichnet diese Urszene der Textverarbeitung nach, beschreibt die wesentlichen Entwicklungslinien, die das digitale Schreiben seitdem genommen hat, und erl?utert die zentralen Konzepte, die es zunehmend pr?gen: Hybridit?t, Multimedialit?t und Sozialit?t.

Der Folgende Artikel ist ein bearbeiteter Auszug aus Henning Lobins “Engelbarts Traum. Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt” Frankfurt am Main / New York: Campus, 2014.??

?

1. Ein Traum wird wahr

Auf der gemeinsamen Herbsttagung der amerikanischen Informatiker im Jahr 1968, der Fall Joint Computer Conference in San Francisco, ist für den Nachmittag des ersten Tages, den 9. Dezember, etwas Besonderes vorgesehen. Dr. Douglas C. Engelbart vom Stanford Research Center in Menlo Park, knapp 50 Kilometer vom Tagungsort entfernt, soll anderthalb Stunden über sein ?Forschungszentrum zur Erweiterung des menschlichen Geistes“ reden.1 Auch wenn dieser Titel perfekt zur damals in Kalifornien gerade entstehenden Hippie-Kultur zu passen scheint, erwartet die etwa 2.000 Zuschauer in der verdunkelten ?Brooks Hall“, einem der gr??ten S?le des Convention Center, in dem die Tagung stattfindet, eine High Tech-Show, wie man sie noch nicht gesehen hat. An der Stirnseite des Saals gibt es eine sechseinhalb Meter gro?e Video-Projektion und statt eines Rednerpults rechts auf der Bühne einen Stuhl, vor den eine Art Kontrollpult geschwenkt werden kann, das einige merkwürdige Ger?te enth?lt. Die Schreibmaschinen-Tastatur in der Mitte kennen die an der Tagung teilnehmenden Computerwissenschaftler von den Rechnern, mit denen sie selbst arbeiten. Die Ger?te rechts und links davon aber nicht. Das auf der linken Seite besteht aus fünf Tasten und nennt sich ?Akkord-Tastatur“ (Chord Keyset). Die Tasten darauf sind nicht nur jeweils einzeln mit Zeichen belegt, sondern auch in Kombination miteinander, so dass sich eine Vielzahl von Eingabem?glichkeiten ergibt – wie Akkorde auf dem Klavier. Auf der rechten Seite befindet sich ein kleines K?stchen mit drei Tasten, das hin- und hergeschoben werden kann. ?Ich wei? nicht, warum wir es ?Maus‘ nennen. Es fing einfach so an, und wir ?nderten es nicht mehr”, stellt Engelbart dazu fest.2 Beide Eingabeger?te lassen sich gut miteinander kombinieren: links die Hand auf den Tasten der Akkord-Tastatur, rechts auf der Maus, und den Blick auf den Fernsehmonitor davor gerichtet. In der 100 Minuten dauernden Demonstration ist der Leiter des 17-k?pfigen Forschungsteams immer wieder in dieser Haltung zu sehen, im wei?en Hemd mit dunkler Krawatte und mit einem erstaunlich modern wirkenden Headset auf dem Kopf. Hin und wieder blickt er nach rechts oben, um die korrekte Funktion der Videoprojektion zu überprüfen. Ganz ?hnliche Bilder aus dem Kontrollzentrum der ersten Mondlandung, der Mission Control, sollten nur wenige Monate sp?ter auf der ganzen Welt zu sehen sein.

Engelbart hatte nach seiner Zeit als Marinetechniker im Zweiten Weltkrieg die Idee verfolgt, einen Radarbildschirm mit einem Computer zu verbinden, um darauf Schriftzeichen und Liniengrafiken anzeigen und den Computer interaktiv, ohne das langwierige Einlesen von?Lochkarten, nutzen zu k?nnen. 1968 gab es zwar schon Computer, die den interaktiven?Betrieb mehrerer Benutzer erm?glichten, allerdings erfolgte die Ausgabe des Computers dabei ausschlie?lich über Drucker. Engelbart und sein Team ?druckten“ die Ausgabe stattdessen auf einen Radarbildschirm, wo sie zudem ver?nderlich war – Fernsehbildschirme erlaubten noch keine Textdarstellung. Leider waren Radarbildschirme ausreichender Gr??e immens teuer?und flackerten sehr, da sie nach einem anderen Prinzip arbeiten als Fernsehmonitore. Die L?sung, die auch bei der Demonstration 1968 schlie?lich angewandt wurde, war die, einen kleinen, billigeren Radarbildschirm zu verwenden und dessen Bild von einer Fernsehkamera aufnehmen zu lassen. Das Bild konnte dann auf einen oder mehrere gr??ere Fernsehmonitore oder eben auf die Gro?leinwand übertragen werden. Dabei wurde es farblich umgedreht, so dass schwarzer Text auf wei?em Grund erschien, und auch das Flackern war verschwunden.

Die Zuschauer erleben an jenem Dezembernachmittag staunend, wie ein Text auf dem Bildschirm durch L?schen, Einfügen und Verschieben von W?rtern ver?ndert wird, zwischen verschiedenen Darstellungsarten hin- und hergeschaltet und mit der Maus ein Wort angeklickt werden kann, um eine andere Textdatei zu ?ffnen, die dann auf dem Bildschirm erscheint – das Anklicken eines Hyperlinks. Engelbart demonstriert mit seinem wichtigsten Mitarbeiter William K. English sogar, wie man gemeinsam einen Text bearbeiten kann – gleichzeitig! English sitzt dabei im Labor des Teams in Menlo Park, von wo aus er nicht nur per Video- und Audio-Leitung live in das Convention Center zugeschaltet ist, sondern auch über eine eigens eingerichtete Funk-Datenleitung. Die Demonstration zeigt somit erstmals auch die kooperative Nutzung des Computers und eine Video-Konferenz. All das war mit ungeheurem technischen Aufwand realisiert und sollte die Ergebnisse von fast zehn Jahren Entwicklungsarbeit dokumentieren. Engelbarts Demonstration ist zugleich die erste computerbasierte Pr?sentation, da er das vorgestellte Textverarbeitungs- und Hypertextsystem namens?Online- System, kurz?NLS, wiederum zur Unterstützung seiner Ausführungen verwendet. überhaupt verfolgt das ganze Projekt einen evolution?ren Ansatz:?NLS?selbst wird für die Pr?sentation, für die technische Weiterentwicklung und für das Management des Projekts eingesetzt. So demonstrieren Engelbart und seine per Video zugeschalteten Mitarbeiter auch, wie sie mit Hilfe des Systems Textnachrichten verschicken, verschiedene Programmversionen verwalten und eine Hypertext-Dokumentation pflegen. Man hofft, das System durch den Einsatz im eigenen Team und die Nutzungserfahrungen, die dadurch gewonnen werden, nach und nach immer besser an die Arbeitsvorg?nge anpassen zu k?nnen.?

Nachdem Engelbart am Ende seinen Mitarbeitern und vor allem seiner Frau und den T?chtern gedankt hat, denen er die Demonstration widmet, brandet der Applaus auf. Es ist der H?hepunkt seiner T?tigkeit als Computerentwickler, vielleicht seines Lebens überhaupt. Bald danach ziehen sich einige Geldgeber aus seinem Forschungszentrum zurück, eine breitere Nutzung von?NLS?im entstehenden Internet wie auch die Kommerzialisierung gelingen nicht. Seine Ideen aber wirken fort. Einige Mitarbeiter des zerfallenden Teams wechseln zur Firma?Xerox, die sich in einem Forschungszentrum in der N?he mit Büroautomation befasst. Von ihnen wird in Fortführung des Engelbart-Projekts 1973 der erste Personal Computer?vorgestellt, der eine grafische Benutzeroberfl?che besitzt, der Alto. Eines der wenigen Exemplare, die nie in den Handel gelangt waren, bekommt dort ein junger Firmengründer zu sehen, dessen Vision es ist, billige und vor allem leicht bedienbare Computer für normale Menschen herzustellen, Steve Jobs. Er ist fasziniert von dieser ganz anderen Art, einen Computer zu bedienen. 1983 bringt seine Firma?Apple?den ersten kommerziellen Computer?mit grafischer Benutzersteuerung auf den Markt, zu der auch eine Maus geh?rt, den?Lisa.3 Ein Jahr sp?ter erscheint der wesentlich günstigere?Macintosh?und macht Jobs zum Milliard?r.

In Engelbarts System laufen erstmals drei getrennte Entwicklungslinien der Computertechnologie zusammen. Das ist zum einen die von Anfang zentrale Eigenschaft von Computern, Berechnungen automatisch durchführen zu k?nnen, Zahlen und Schriftzeichen programmgesteuert zu manipulieren. Im Online-System gibt es viele Funktionen, die Routineaufgabe eines Benutzers vollautomatisch übernehmen, zum Beispiel die Nummerierung einer verschachtelten Liste. Zweitens k?nnen im Computer alle unterschiedlichen Arten von Daten integriert werden. Engelbart kombiniert die Einkaufsliste mit einer stilisierten Karte der Orte, an denen die Erledigungen zu machen sind. Grundlage dafür bildet die Digitalisierung, die Kodierung von Informationen durch nur zwei Zust?nde, die Null und die Eins, der sogenannte Bin?rcode. Der Bin?rcode wird dafür verwendet, alle Datentypen in eine einheitliche Form zu bringen und ohne Rücksicht auf ihre Bedeutung durch Programme handhabbar zu machen, gleichgültig, ob es sich um Zahlen, Texte, Tabellen, Bilder, Grafiken, Karten, T?ne oder Filme handelt. Und drittens ist das Online-System vernetzt – vernetzt mit anderen Computern und als Werkzeug in einer vernetzt arbeitenden Gruppe von Menschen. Bei Engelbarts Demonstration gab es noch eine aufw?ndig eingerichtete, mit eigens dafür entwickelter Software betriebene Telefon-Funkverbindung.4?W?hrend er in San Francisco jedoch die Vorstellung des Online-Systems vorbereitete, wurden an anderer Stelle bereits die ?technischen Voraussetzungen für das Internet entwickelt. Engelbart erw?hnt am Ende seiner Demonstration die M?glichkeiten, die sich damit “schon im n?chsten Jahr“ ergeben würden. Und tats?chlich sollte das Internet im Herbst 1969 als Netzwerk von zun?chst vier Rechnern seinen Betrieb aufnehmen.5

Der 9. Dezember 1968 l?sst zum ersten Mal erahnen, wie durch die Verbindung von Automatisierung, Datenintegration und Vernetzung etwas Neues entsteht – nicht nur eine technologische Innovation, sondern eine neue kulturelle Dimension des Schreibens, des Umgangs mit geschriebener Sprache und schriftlicher Information. Hybrid, multimedial und sozial – mit diesen Begriffen l?sst sich charakterisieren, wie das Schreiben durch Engelbarts Erfindungen geworden sind. Nicht nur der Mensch ist es, der schreibt, sondern auch der Computer. Nicht nur Schrift ist es, woraus digitale Texte bestehen, sondern auch aus Grafiken, Bildern, Videos und anderem. Und man schreibt nicht mehr nur selbst, sondern gemeinsam mit anderen in einem Gewebe vernetzter Texte. Das digitale Schreiben ist hybrid, multimedial und sozial, und damit unterscheidet es sich grundlegend vom Schreiben, wie es bislang in der Schriftkultur gewesen ist.?Nachdem wir uns im folgenden Abschnitt die Besonderheiten des digitalen Schreibens überhaupt angesehen haben, wollen wir uns danach anhand dieser drei kultureller Tendenzen die Ver?nderungen des Schreibens n?her ansehen.?

2. Digitales Schreiben

Wie kommt Schrift in den Computer? Ganz einfach: per Tastatur. In der Frühzeit der Computerentwicklung war n?mlich die Idee entstanden, diesem per Fernschreiber Programme und Daten einzugeben. Fernschreiber sind ferngesteuerte Schreibmaschinen: Ein Anschlag auf der Schreibmaschinentastatur druckt dabei das Zeichen nicht auf direktem Wege auf die Walze, sondern elektromechanisch vermittelt über ein Telegrafenkabel. Die heutigen Computertastaturen gehen also auf die mechanischen Schreibmaschinen des 19. Jahrhunderts zurück. Das kann man noch daran erkennen, wie die Buchstaben auf den Tasten angeordnet sind. Im Englischen besonders oft hintereinander vorkommende Buchstaben sind weiter voneinander entfernt als seltene.6 Dadurch wurde beim schnellen Schreiben die H?ufigkeit der gegenseitigen Blockade von Typenhebeln reduziert. Nach dem Ende der mechanischen Schreibmaschine haben sich deshalb viele Tüftler gefragt, ob es nicht?bessere Tastaturlayouts gibt, die weniger von solchen l?ngst überholten technischen Bedingungen abh?ngen. Vielmehr sollten die Eigenschaften einer Sprache, die F?higkeiten?der menschlichen Hand und die Ergonomie beim Tippen im Vordergrund stehen. Einer von ihnen war, wie wir in der Einleitung gesehen haben, auch Douglas Engelbart mit seiner Akkord-Tastatur. Durchgesetzt hat sich davon keine. Die Tastatur hat bei den frühen Computern die Lochkarten ersetzt, durch die die Bitfolgen, die einzelne Zeichen repr?sentierten, direkt in den Speicher eingelesen wurden. Derartige Bitfolgen, heute 16-stellige Unicode-Folgen, werden immer noch in den Speicher geschrieben, die übersetzung eines Tastendrucks in Abfolgen von Nullen und Einsen ist also immer noch fundamental beim digitalen Schreiben.

Reale Tastaturen mit tats?chlich physisch zu drückenden Tasten sind bei vielen Ger?ten heute durch virtuelle Tastaturen ersetzt, die mit gr??erem technischen Aufwand dasselbe erreichen, n?mlich per Fingerdruck die digitale Kodierung von Schriftzeichen im Computerspeicher eintragen zu k?nnen.7 Den gro?en virtuellen Tastaturen von Tablet- Rechnern, die tats?chlich im Zehnfingersystem bedient werden k?nnen, sind dabei kleinere vorausgegangen, bei denen die Eingabe aufgrund ihrer geringen Gr??e nur mit ein oder zwei Fingern erfolgen kann, etwa bei Smartphones. Die Ungenauigkeit beim “Treffen” der nicht fühlbaren Tasten wird dabei durch intelligente Verfahren des Ratens des richtigen Wortes ausgeglichen. Ein anderer Weg, der vor den Smartphones bei einigen “Handheld-Computern” bzw. “Organizern” beschritten wurde und mittlerweile erneut bei den Smartphones angekommen ist, stellt die Nutzung eines Stifts dar. Dabei konnte oft auch eine zeichenweise arbeitende Erkennung vereinfachter Buchstaben angewendet werden. Diese vereinfachten Zeichen hatten bestimmte Ansatzpunkte und auch im Falle von Buchstaben wie A oder K eine durchgehende Linienführung, die man bei der Eingabe einhalten musste.8

2.1 Der Anfang

Eine raffinierte Methode für die Texteingabe stellte in der Pr?-Smartphone-?ra auch das?T9-System?dar. Dabei ging es darum, mit nur 12 Tasten eines Mobiltelefons (10 Zifferntasten sowie die Stern- und Raute-Tasten) alle Zeichen des Alphabets in Gro?- und Kleinschreibung inklusive sprachspezifischer Sonderzeichen (im Deutschen die Umlaute ?, ? und ü sowie ?) und einiger Interpunktionszeichen zu erzeugen, um auf diese Weise Textnachrichten erstellen zu k?nnen. Die Tasten sind deshalb mehrfach belegt nach einem System, das man in den USA schon lange auf Telefonen eingesetzt hatte, um sich Telefonnummern besser merken zu k?nnen. Die Taste “2″ etwa ist dabei mit den Buchstaben A, B und C belegt, die Taste “3″ mit?D, E und F. Muss man sich die Nummer “233″ merken, kann man sich auch “BEE” (deutsch “Biene”) einpr?gen und dafür eine Eselsbrücke bilden. Servicerufnummern werden bis heute extra so ausgew?hlt, dass derartige Eselsbrücken m?glich werden. Dreht man dieses System um und versucht nicht mehr, Ziffernfolgen durch Buchstaben, sondern Buchstabenfolgen?durch Ziffern festzulegen, stellt sich das Problem, dass die Belegung nicht mehr eindeutig ist. Soll beim Drücken von “2″ nun ein A, ein B oder ein C geschrieben werden? Die L?sung, die man zun?chst für Handys fand, bestand darin, die Tasten mehrfach zu drücken – für “A” einmal die “2″, für “B” “22″, für “F” “333″ und so weiter. Geübte “Simser” konnten auf diese Weise recht schnell schreiben,9?benutzerfreundlich aber war das trotzdem nicht. Das patentierte System T910 war deshalb mit einem Sprachmodell ausgelegt, das die wahrscheinlichen von den weniger wahrscheinlichen Buchstabenfolgen unterscheidet. Wenn man n?mlich ein deutsches Wort mit der Tastenfolge “23″ beginnt, dann kann man annehmen, dass die Buchstabenfolgen “AE”, “BD” “BF” und “CF” wohl nicht gemeint sind, denn so f?ngt kein Wort der deutschen Sprache an. Es verbleiben “AD” (wie in “Ade”), “AF” (wie in “Affe”), “BE” (wie in “besser”) und “CD”. Und wird das Wort nach der Eingabe von “23″ schon durch?ein Leerzeichen beendet, ist es sicher, dass das Wort “CD” geschrieben werden soll – die anderen Buchstabenkombinationen erfordern eine Weiterführung. Das Schreiben von Texten per Zw?lfertastatur ist mit dieser intelligenten Erweiterung erstaunlich effektiv, da man die Tastatur beim Tippen nicht ansehen muss. Tats?chlich geschah es mit?T9?das erste Mal, dass die Eingabe von digitaler Schrift über die mechanische Erfassung hinausging – die Eingabesignale des Schreibenden werden zun?chst vom Rechner algorithmisch interpretiert, bevor sie als bestimmte Zeichenfolge “freigegeben” werden. Der Computer hat sich in Gestalt eines unscheinbaren Mobiltelefons erstmals direkt am menschlichen Schreiben beteiligt.?

2.2 Digitalisierung von Handschrift

Die Kulturtechnik des Schreibens ist über lange Zeit eine Kulturtechnik der Hand, nicht eine des Fingers. Die ?lteste Art, vielleicht auch die natürlichste Art zu schreiben besteht darin, ein Schreibger?t mit der Hand über ein Tr?germedium zu bewegen, etwa einen Bleistift über ein Blatt Papier. Die Finger halten den Stift, die Schrift aber wird durch die Bewegungen der Hand erzeugt. Zeichenerzeugung per Tastatur dagegen erfolgt durch die Bewegung der Finger. Das?digitale Mit-der-Hand-Schreiben ist immer auch Gegenstand der Technologieentwicklung gewesen. Die Steuerung eines Punkts auf einem Computerdisplay mit der Hand wurde durch Engelbarts Entwicklung der Maus realisiert. Aber mit einer Maus kann man nicht schreiben.?Mit einer zum Stift verkleinerten Maus geht das schon besser, und wenn dieser Stift direkt auf dem Display aufgesetzt werde kann und seine Bewegungen deckungsgleich mit dem durch?ihn gesteuerten Lichtpunkt erfolgen, kann handschriftliches Schreiben mit einer grafischen Benutzeroberfl?che wiederauferstehen. Stiftbasierte Tablet-Computer tasten die Position der Spitze eines Stifts auf elektromagnetischem Wege ab, so dass man beim Schreiben ganz natürlich den Handballen auflegen kann (was bei einem Touchscreen nicht funktionieren würde). Aber die mit dem Stift erzeugten geometrischen Gebilde sind noch keine digitale Schrift, keine Unicode-Kodierungen von Buchstaben, sondern digitale Grafiken. Das Problem, aus den geometrischen Formen der Handschrift verl?sslich die richtigen Schriftzeichen herauszulesen, hat die Informatik lange besch?ftigt. Ein Buchstabe sieht jedes Mal, selbst?beim gleichen Schreiber, etwas anders aus, und in der Handschrift erscheinen die Zeichen nicht getrennt voneinander, sondern miteinander verbunden. Das Problem verkompliziert sich zus?tzlich, wenn der Rechner zudem die doch teilweise sehr unterschiedlichen Handschriften verschiedener Schreiber erkennen soll. Heute wird diese Herausforderung der Mustererkennung recht gut gemeistert, wie man bei den Stift-gesteuerten Tablet-Rechnern sehen kann. Mittlerweile braucht man zum digitalen Schreiben noch nicht einmal einen Computer, zumindest keinen, der gr??er als ein Stift ist. Mit einem im Stift integrierten Minicomputer, an den eine winzige Kamera angeschlossen ist, erfasst ein Ger?t wie der SmartPen der Firma LifeScribe digitale Schrift auf (fast) ganz normalem Papier.11 Die Kamera ist auf die Stiftspitze gerichtet, wo eine gew?hnliche Kugelschreibermine ihren Dienst tut. Das Papier ist überzogen mit einem feinen, kaum sichtbaren Raster aus hellgrauen Linien. Die Kamera registriert Richtung und Anzahl der Rasterfelder, über die sich die Stiftspitze beim Schreiben bewegt, und erzeugt aus dieser Information eine digitale Grafik. Diese enth?lt eine detaillierte Reproduktion des beschriebenen oder mit Zeichnungen versehenen Blattes Papier. Eine interessante Technik, in der die Digitalisierung des Schreibens nahezu unsichtbar wird. Eine Erkennung des handschriftlich Geschriebenen muss auf der Grundlage der digitalen Grafik allerdings auch hier geschehen, damit man tats?chlich von ?digitalem“ Schreiben sprechen kann.?

Mit der Handschriftenerkennung bewegen wir uns am Rande des digitalen Schreibens. Die miteinander flie?end verbundenen Buchstaben der Handschrift k?nnen nicht einfach digital erfasst werden, sondern es bedarf eines technisch komplexen Analysevorgangs, um diese in digitale Schrift, eine Kette von Codes für die einzelnen Buchstaben, zu überführen. Der Computer muss die Handschrift zun?chst lesen, um sie dann im Speicher niederschreiben zu k?nnen. Dieser aufw?ndige übersetzungsschritt verbindet diese Art des Schreibens mit anderen, technologisch noch avancierteren Formen. Das digitale Schreiben kann etwa mit der akustischen Spracherkennung kombiniert werden, wie es Smartphone-Betriebssysteme seit einiger Zeit beherrschen. Die Tastatur besitzt eine Taste, mit der eine Sprachaufnahme?aktiviert werden kann, die dann in Text überführt wird. Aufgrund der gro?en Rechenleistung,?die dafür erforderlich ist, geschieht dies nicht auf dem Smartphone selbst, sondern auf Gro?rechnern, die für Apple oder den Android-Anbieter Google die Sprachsignale annehmen und nach erfolgter Analyse den Text an das Ger?t zurückschicken. Diktieren ist schlie?lich auch eine Form des Schreibens. Noch im Forschungsstadium befinden sich Systeme, die?auch die Blickbewegungen des Schreibenden erfassen, um damit den Schreibprozess zu unterstützen. Chinesische Wissenschaftler etwa beschreiben ein Verfahren, wie durch Blicke die Auswahl des richtigen chinesischen Schriftzeichens aus einer Liste vorgeschlagener Zeichen erfolgen kann – eine Prozedur, die man beim Schreiben chinesischsprachiger Texte mittels ihrer Umschrift in lateinischer Schrift st?ndig durchführen muss.?

2.3 Spezifika des digitalen Schreibens

Das digitale Schreiben mit der Tastatur ist immer ein Ausw?hlen von Zeichen, nicht ein Produzieren.?12 Die Zeichen werden nicht vom Schreibenden gestaltet, sondern vom Computer. Weitere Gestaltungsmerkmale sind gesondert festzulegen, durch Auswahl von Schriftart, -gr??e, -schnitt und so weiter. Die Trennung von Inhalt und Form, die den digitalen Text kennzeichnet, macht sich damit schon auf der elementaren Ebene der Schrift bemerkbar: Das Zeichen selbst ist abstrakt, nichts als eine Bitfolge, sein Aussehen variabel. Erst mit der digitalen Schrift ist deshalb eine T?tigkeit entstanden, die als ?Formatierung“ bezeichnet wird: das Gestalten eines Textes, ohne ihn dabei zu schreiben. Diese T?tigkeit besteht darin, der Schrift und den Textteilen Darstellungseigenschaften zuzuordnen. Diese Eigenschaften lassen sich auch als solche speichern, in ?Stylesheets“. Dabei handelt es sich um Dateien, in denen die Darstellung von Texten festgelegt wird – sie sind gewisserma?en Texte ohne Inhalt, aus ?reiner Form bestehend. Ein Textverarbeitungsprogramm wie Word erlaubt dies in Gestalt sogenannter Formatvorlagen. Diese k?nnen von einem Text auf einen anderen übertragen werden, um so eine bereits erstellte Formatierung wiederverwenden zu k?nnen. Zur Formatierung geh?ren auch zwei Extremformen der Gestaltung: das Hinzusetzen und das Verbergen von Textstücken. Beides setzt voraus, dass die einzelnen Textteile?unterschiedlichen Typen zugeordnet und entsprechend markiert sind, etwa im Sinne von XML, der im Web verwendeten Extensible Markup Language. Dann ist es m?glich, die Anfangs-?oder Endmarkierungen um weitere Zeichen zu erg?nzen. H?ufig wird dieses Verfahren zur Erzeugung von Klammerungen oder anderen Interpunktionen genutzt, vor allem aber für Aufz?hlungszeichen und Nummerierungen. Die andere, ?radikale“ M?glichkeit der?Formatierung besteht darin, einen Textteil unsichtbar werden zu lassen. Sind etwa bestimmte überschriften als Typ ?überschrift 3“ deklariert, k?nnen in Word alle so markierten Textteile komplett ausgeblendet werden, so, als w?ren sie überhaupt nicht im Text enthalten. Auf diese Weise kann eine beim Schreiben genutzte interne Untergliederung vor der Weiterverwendung des Textes herausgefiltert werden. Die Gestaltung digitaler Texte ist also so variabel, dass?auch Textteile neu entstehen oder verschwinden k?nnen. Die digitale Basis, die Kette der Schriftzeichen im Speicher des Computers, unterliegt bei alldem keiner Ver?nderung.

Aber auch die Zeichen im Speicher sind ver?nderlich, und das macht den zweiten gro?en Unterschied beim digitalen Schreiben aus. Textteile k?nnen gel?scht werden, so dass sie, im Gegensatz zum gerade erl?uterten Verbergen durch Formatierung, tats?chlich entfernt sind aus dem Speicher. An einer beliebigen Stelle des Textes k?nnen neue Textteile eingefügt werden, ohne dass vorhandener Text überschrieben wird. Und Textteile k?nnen von einer Position im Text zu einer anderen Position verschoben werden. So etwas zu realisieren ist programmiertechnisch keineswegs trivial, denn der Speicherinhalt rutscht beim L?schen einer Zeichenfolge nicht von selbst um die gel?schten Einheiten zusammen. Der digitale Text muss deshalb entweder ohne die Lücke umkopiert werden, oder er wird mit einer linearen Adressenliste versehen, die angibt, welche Textteile an welcher Stelle zu stehen haben. Diese Methode hat den Vorteil, dass die L?schung durch Entfernung einer Adresse vorgenommen werden kann. Falls sie wieder rückg?ngig gemacht werden soll, kann der ?gel?schte“ Text mit einer neuen Adresse wieder in die Textfolge eingefügt werden. Gleiches gilt für die beiden anderen Grundmethoden der Textmanipulation, Einfügen und Verschieben. Die überlegung, ?nderungen im Text durch entsprechende Datenstrukturen rückg?ngig machen zu k?nnen,?kann man auch auf die Spitze treiben: Schlie?lich besteht digitales Schreiben aus nichts anderem als dem Einfügen von neuen Textstücken in einen bestehenden Text und?gelegentliche L?sch- und Umstellungsvorg?nge. Speichert man also alle Bearbeitungsschritte eines Textes hintereinander ab, l?sst sich die Texterstellung vorw?rts und rückw?rts nachvollziehen. In Word k?nnen Sie sich das leicht ansehen: Wenn Sie etwas geschrieben?und editiert haben, k?nnen Sie mit mehrfachem Drücken der Tastenkombination Strg-Z nicht?nur den letzten Schritt rückg?ngig machen, sondern bis zu 100 Bearbeitungsschritte, die Sie zuletzt vorgenommen haben. Mit Strg-Y gelangen Sie wieder zurück zum Endstadium des Textes. In dem Texteditor Etherpad lassen sich sogar alle ?nderungen des Textes wie ein?Film abspielen.13?12

Eine weitere Besonderheit des digitalen Schreibens ist die, dass man als Schreibender nicht nur die Schrift zu formatieren hat, sondern auch die gr??eren Einheiten des Textes. Auch auf dieser Ebene besteht gro?e Variabilit?t, wenn es darum geht, Abs?tze, Abschnitte oder den Text als Ganzes mit Festlegungen bezüglich R?ndern, Zeilen- und Absatzabst?nden, Einrückungen, Aufz?hlungen und Nummerierungen zu versehen. Dies sind Eigenschaften, die die Zweidimensionalit?t des Textes betreffen, und dafür ist die Maus als Zeigeinstrument ein geeignetes Steuerger?t. Auf dieser Ebene wird der Text multimedial: Er wird als Fl?che mit Schriftzeichen gestaltet, weitere nicht-textuelle Elemente k?nnen hinzukommen, Grafiken, Tabellen oder Bilder zum Beispiel. Erfordernisse der Textgestaltung sind also beim digitalen Schreiben automatisch vom Schreibenden mit zu l?sen, sofern er nicht auch hier auf ein Stylesheet zurückgreifen kann.

Dass Schreibkompetenz im digitalen Medium mehr ist, als einen Satz nach dem anderen formulieren zu k?nnen, wird deutlich, wenn man sich die Produktion wissenschaftlicher Texte genauer ansieht.15 In solchen Texten geht es n?mlich in besonderem Ma?e darum, aus anderen Texten zu zitieren oder Argumente zusammenzufassen und zu kommentieren. Einen wissenschaftlichen Text zu schreiben hei?t deshalb auch, Textstücke anderer ausw?hlen, ordnen und mit eigenen Aussagen verbinden zu k?nnen. Die Eigenschaft digitaler Texte, Teile daraus kopieren und anders arrangieren zu k?nnen, geht deshalb in den Schreibprozess ein. Viele Studierende beherrschen gerade diese Ebene des Schreibens in der ersten Zeit des Studiums noch nicht, auch wenn sie ansonsten über normal entwickelte Schreib- und?Formulierungsf?higkeiten verfügen. Der Erwerb der Schreibf?higkeit geht auf der Textebene weiter.?

3. Hybrides Schreiben

Eine Automatisierung des Schreibens erfolgt schon bei der gew?hnlichen Textverarbeitung. Neben dem Schreiben, überarbeiten und Formatieren von Texten weisen Textverarbeitungsprogramme auch diverse Funktionen für Textautomation auf. Dies geht los bei der Erzeugung von Nummerierungen, wenn man bestimmte Abs?tze als überschriften gekennzeichnet hat. Auch bei Aufz?hlungen – nummeriert oder mit einem Aufz?hlungszeichen – erg?nzt das Programm von sich aus kleine Textstücke, die dann nicht mehr vom Schreiber eingegeben werden müssen. Es geht weiter mit der Autokorrektur: Bestimmte Fehler, etwa zwei Gro?buchstaben am Wortanfang, werden automatisch korrigiert, ebenso ein klein geschriebener Satzanfang. Die Textverarbeitungsprogramme benutzen dafür einfach Korrekturlisten, die man zum Teil auch selbst bearbeiten kann. Der gleiche Mechanismus wird dafür verwendet, manche Sonderzeichen zu erzeugen. Aus ?==>“ wird in Word etwa ??“, aus ?(c)“ wird ??“. Ferner werden typografische Satzzeichen gebildet, das Minuszeichen (?-“) in den Gedankenstrich (?–“) überführt oder hoch- und tiefgestellte Anführungszeichen (?…“) eingefügt. Interessanter wird es jedoch, wenn wirklich aufw?ndige Arbeitsvorg?nge automatisiert werden. Dies k?nnen Textverarbeitungen für Inhaltsverzeichnisse, Register und Abbildungslisten erledigen, wenn die entsprechenden Objekte – überschriften, Indexw?rter und Abbildungen – als solche gekennzeichnet sind. Noch einen Schritt weiter kann man mit Feldfunktionen gehen: Dabei handelt es sich um kleine Programme, die in den Text eingefügt werden, um mit bestimmten Vorgaben Textstücke zu erzeugen. In Word erzeugt das Feld ?CREATEDATE \*MERGEFORMAT“ in einem Text etwa das jeweils aktuelle Datum mit Uhrzeit, zum Beispiel also ?10.09.2014 19:35:00“. über Feldfunktionen lassen sich Formatierungen auch mit Bedingungen versehen, die für bestimmte Dokumenteigenschaften (die Anzahl der Seiten, der Autor oder andere Informationen, die als allgemeine Eigenschaft eines Dokuments automatisch gespeichert werden) gelten müssen und mit der Feldfunktion ?INFO“ ausgelesen werden k?nnen. Heutige Textverarbeitungsprogramme sind also wesentlich mehr als nur Kombinationen von Schreibmaschine und Formatierungsfunktionen; schon mit diesen weit verbreiteten, scheinbar jedem vertrauten Programmen wird der Text durch den Computer mitgestaltet, wird das Schreiben hybrid. Die Tendenz ist dabei deutlich zu?erkennen: die Integration einer immer intelligenteren Unterstützung von?Formatierungsaufgaben im Text.?

3.1 Schreibunterstützungssysteme

Sprachlich normierend greift das Programm ein, wenn es um Korrekturvorschl?ge geht. Textverarbeitungsprogramme machen solche Vorschl?ge in drei verschiedenen Bereichen: Rechtschreibung, Grammatik und Stil. Die Rechtschreibüberprüfung basiert nicht nur auf Listen korrekt geschriebener W?rter der jeweiligen Sprache, sondern sollte in einem begrenzten Umfang auch in der Lage sein, den Satzzusammenhang zu berücksichtigen. Allerdings k?nnen nicht alle Programme tats?chlich zwischen ?Der Mann fiel/viel“ und ?Der Mann isst viel/fiel“ unterscheiden. Die Leistungen bei der Grammatikprüfung fallen oftmals noch bescheidener aus, die Kongruenzverh?ltnisse etwa in l?ngeren Nominalgruppen (welche Artikel, Adjektive und Substantive sind aufeinander bezogen?) werden oftmals nicht richtig erkannt, Fehler nur zu einem kleinen Teil angezeigt. Um eine Grammatikprüfung mit hoher Qualit?t durchzuführen, ist es notwendig, einen Satz grammatisch vollst?ndig zu analysieren. Diese Aufgabe wird zwar inzwischen von computerlinguistischen Programmen recht gut bewerkstelligt, allerdings ben?tigen diese maschinell lesbare Grammatiken W?rterbücher und recht viel Zeit, um eine solche Analyse durchführen zu k?nnen – ein Aufwand, der für Massenprogramme noch zu gro? ist. Wichtig für professionelle Autoren ist es auch, Abkürzungen, Aufz?hlungen, Trennungen und ?hnliches in einem Text einheitlich zu verwenden. Spezialisierte Programme korrigieren Texte nach ihrer Fertigstellung und machen Vorschl?ge zur Vereinheitlichung und Verbesserung.16 Schlechter sieht es derzeit bei der Kontrolle des sprachlichen Stils aus. Hier werden vorwiegend statistische Ma?e für die Bewertung eines Satzes herangezogen, etwa die Wortl?nge. Auch hier ist eigentlich eine vollst?ndige grammatische Analyse erforderlich, verbunden mit Regeln zur verst?ndlichen sprachlichen Gestaltung. Einzelne Hersteller bieten für bestimmte Textarten, etwa Gesch?ftsbriefe, spezielle Programme an, mit denen die Verst?ndlichkeit überprüft werden kann. Für die Software?LinguLab?etwa wird damit geworben, dass die Verst?ndlichkeit unter anderem anhand von Kriterien wie Adjektivh?ufung, Anglizismen, Floskeln, Füllw?rter, ?Kanzleideutsch“, Verneinungen, Nominalstil, Passivkonstruktionen und Satzl?nge überprüft wird.?

Eine besondere Variante der Stilkontrolle bietet das?Gendering Add-In?für Word. Im Auftragder ?sterreichischen Bundesministerin für Frauen und ?ffentlichen Dienst, Gabriele Heinisch- Hosek, entwickelt, kann es fertige Texte auf die Einhaltung von Verwaltungsregeln zu geschlechtergerechter Sprache hin untersuchen.17 Dieses Kontrollprogramm konzentriert sich auf Substantive wie ?Forscher“ oder ?Bibliothekar“ und markiert sie, wenn diese nicht in einem geschlechtergerechten Zusammenhang erscheinen, also vor ?Forscher“ nicht ?Forscherinnen und“ erscheint. Die Analyse funktioniert mit dieser eingeschr?nkten Aufgabe recht gut, auch wenn das Adverb ?n?her“ am Satzanfang oder das ?sterreichische Wort ?Fiaker“ ebenfalls gekennzeichnet wird. Eine Hilfe bei der Wortauswahl leisten auch manche Textverarbeitungsprogramme, indem sie eine Liste von sinnverwandten W?rtern, Synonyme, anbieten. In?Word?ist dafür ein sogenannter ?Thesaurus“ hinterlegt, eine Wortliste, die nach Bedeutungen sortiert werden kann. So fehlerhaft die allgemeinen Korrekturprogramme für Rechtschreibung, Grammatik und Stil aber auch bislang funktionieren, so ist auch hier klar,
was in den n?chsten Jahren zu erwarten ist: Die verl?ssliche überprüfung von
Rechtschreibung und Grammatik eines Textes sowie eine Verst?ndlichkeits- oder Stilprüfung, die in bestimmten Verwendungsbereichen tats?chlich mit guten Verbesserungsvorschl?gen aufwarten kann.18?Die Forschungsabteilung der Firma Microsoft setzt bei derartigen Hilfssystemen an, um zukünftig L?sungen für noch weitergehende Schreibhilfen anbieten zu k?nnen. So arbeitet ein Team an einem System zur Erzeugung von Paraphrasen, um dem Schreiber damit alternative Formulierungen anbieten zu k?nnen, die auch der Textsorte angemessen sein sollen.19 Ein weiteres Team versucht Schreiber englischer Texte zu unterstützen, die keine Muttersprachler sind. Ein entsprechendes Programm soll dabei Vorschl?ge nicht nur für die korrekte, sondern auch für eine idiomatischere
Sprachverwendung anzeigen.20 ?

Der n?chste Schritt zur Automatisierung des Schreibens besteht in der aktiven Unterstützung des menschlichen Schreibprozesses durch den Computer. Schon l?nger in Gebrauch sind Programme für die automatische Vervollst?ndigung von Zeichenketten, die der Schreiber gerade eingibt. Web-Browser und Email-Programme aktivieren diese nützliche Funktion, wenn Internet-Adressen eingetippt werden. Am bekanntesten ist sie wohl wegen ihrer Integration in die Web-Suchmaschinen von?Google?und Microsoft?Bing. Noch w?hrend man seine Suchw?rter eingibt, werden diese zu den wahrscheinlich gemeinten W?rtern erg?nzt. Dies geschieht bei Google im Suchfeld selbst, bei Bing in einer sich unter?dem Eingabefeld ?ffnenden Liste. Beide Suchmaschinen nutzen dabei Datenbanken, in denen die von den Nutzern eingegebenen Suchanfragen gespeichert und nach H?ufigkeit gewichtet werden. Die Anfragen werden auch in Abh?ngigkeit von ihrer Aktualit?t und dem Ort ihrer Eingabe unterschiedlich erg?nzt. Genau genommen werden auch nicht nur die W?rter vervollst?ndigt, sondern auch m?gliche Folgew?rter angezeigt. So wird ?Johann Wol“ nicht nur zu ?Johann Wolfgang“, sondern zu ?Johann-Wolfgang Goethe“ erg?nzt. Auch die Folgew?rter gehen aus den gespeicherten Suchanfragen hervor, mit denen die eingegebene Wortsequenz abgeglichen und dabei nach und nach die Menge der m?glichen Fortführungen eingegrenzt?wird. Google hat dieses Schreibprinzip eine Zeitlang sogar als eigenst?ndiges Produkt vertrieben. Unter der Bezeichnung?Scribe?handelte es sich dabei um einen Texteditor, der?dem Nutzer direkt an der Schreibmarkierung Vorschl?ge für Wortvervollst?ndigungen unterbreitete, die mit einem einfachen Tastendruck übernommen werden konnte. Ein solches System operiert mit übergangswahrscheinlichkeiten zwischen W?rtern, die durch eine statistische Analyse von Wortpaaren oder –tripeln (?Bigramme“, ?Trigramme“, allgemein: ?n- Gramm“) in einem Text gewonnen werden. Wenn eine Wendung wie ?mit Bezug auf“ in einem Text h?ufiger vorkommt, dann werden die Wortpaare ?mit Bezug“ und ?Bezug auf“ mit h?heren Wahrscheinlichkeiten versehen. Wenn nun das Wort ?Bezug“ nach ?mit“ gerade bis zum?zweiten Zeichen geschrieben wurde also ?mit Be“, dann k?nnen diese Wahrscheinlichkeiten genutzt werden, um zun?chst ?Be“ an dieser Stelle zu ?Bezug“ zu erg?nzen und dann für ?Bezug“ als ein sehr wahrscheinliches Folgewort ?auf“ vorzuschlagen. Das Prinzip ist sehr simpel, wenn jedoch sehr gro?e Textmengen zur Verfügung stehen, erbringt eine solche ?n- Gramm“-Analyse erstaunlich gute Ergebnisse. Die Suchmaschinenbetreiber besitzen für derartige Funktionen natürlich eine hervorragende Datengrundlage, und die statistische?Analyse l?sst sich noch so weit verfeinern, dass tats?chlich fast immer eines der zwei, drei zuerst vorgeschlagenen W?rter das gemeinte ist.

Das Produkt Scribe ist zwar nicht mehr verfügbar, aber in verschiedenen Editoren oder Textverarbeitungsprogrammen sind doch ?hnliche Funktionen zu finden. Der einfache Editor?TED Notepad21?etwa erlaubt die Vervollst?ndigung von W?rtern gem?? dem Wortbestand, der in der gerade bearbeiteten Datei zu finden ist. Sehr benutzerfreundlich ist eine Wortvervollst?ndigung auch in?OpenOffice Writer22 integriert: Hier ist für diesen Zweck eine Wortliste hinterlegt, die der Benutzer auch manuell erweitern kann. Wortvervollst?ndigungen werden ab dem dritten Zeichen eines Wortes in einem kleinen Fenster oberhalb der?Schreibmarkierung eingeblendet und k?nnen mit der Eingabetaste ausgew?hlt werden. Die Vorschl?ge sind nach H?ufigkeit sortiert und k?nnen mit einer einfachen Tastenkombination durchlaufen werden. Zus?tzlich zur Wortliste wird auch der schon geschriebene Text in der?Datei herangezogen, beim Abspeichern k?nnen die neuen W?rter automatisch in die Vervollst?ndigungswortliste aufgenommen werden. Entwickelt wurde die Technik des?Predictive Text (?prophetischer Text“) für Smartphones – bei den winzigen Touchscreen- Tastaturen, die bei ihnen im Einsatz sind, ist jede Reduktion der Tastenschl?ge willkommen. Tastaturen wie?SwiftKey?für Android-Smartphones analysieren dabei die auf dem Ger?t gespeicherten Nachrichten und Emails, die der Nutzer geschrieben hat, um ein statistische Modell der n-Gramm-H?ufigkeiten aufzubauen. über der Tastatur werden immer drei W?rter eingeblendet, die die schon begonnene Eingabe vervollst?ndigen oder nach deren Abschluss den Satz weiterführen k?nnen. Da das individuelle Schreibverhalten des Nutzers?sie Grundlage für die Vorschl?ge bildet, funktioniert die Wortvorhersage gerade bei der Formulierung von pers?nlichen Nachrichten sehr gut. Anrede, Einleitungss?tze, Schluss- Formeln und Grü?e lassen sich oftmals nur durch die Auswahl eines der drei vorgeschlagenen W?rter formulieren. Für den Fall, dass doch mehr zu tippen ist, sind derartige Eingabesysteme mit Fehlerkorrekturfunktionen versehen, die in Verbindung mit den Wortvorschl?gen?wesentlich mehr bewirken als nur die Einhaltung von Rechtschreibregeln: Weil auf sehr?kleinen Tastaturen sehr oft f?lschlich auf benachbarte Buchstaben getippt wird, wird ?hnlich?dem T9-System ermittelt, welcher Buchstabe eigentlich gemeint sein k?nnte. Kann das?System zus?tzlich Vermutungen darüber anstellen, um welches Wort es sich insgesamt?handeln k?nnte, k?nnen die Nachteile dieser kleinen Tastaturen sehr gut überwunden werden. Es genügt ganz einfach, ungef?hr die richtigen Tasten anzuschlagen, damit im?Zusammenspiel der verschiedenen Wahrscheinlichkeiten der Computer das richtige Wort bestimmen kann. Die M?glichkeit der fehlerhaften, ja unvollst?ndigen Texteingabe wird?übrigens systematisch beim Schreiben chinesischer Texte mittels lateinischer Tastaturen genutzt: Die lateinische Umschrift der chinesischen Zeichen, das sogenannte?Pinyin, wird von den neuesten Texteingabesystemen auf Smartphones gar nicht mehr vollst?ndig erwartet. Es genügt vielmehr, nur den jeweils ersten lateinischen Buchstaben für das Zeichen einzugeben. Auch daraus kann durch die Auswertung verschiedener ineinandergreifender Wahrscheinlichkeiten eine oftmals passende chinesische Zeichenfolge vorgeschlagen werden. übertragen auf das Deutsche würde das bedeuten, dass es m?glich sein müsste, aus den?Silbenanlauten ein l?ngeres Wort ableiten zu k?nnen: aus ?r-t-v-s-c-r-r-f“ würde bei der?Eingabe automatisch ?Rentenversicherungsreform“. Im Deutschen funktioniert eine solche abgekürzte Worteingabe jedoch nicht und w?re auch nicht praktikabel. Mit dieser technischen Unterstützung ist es jedoch heute m?glich, in einem hochkomplexen logografischen Schriftsystem wie dem Chinesischen schneller zu schreiben als im lateinischen?Schriftsystem.23

Das Prinzip der Schreibunterstützung kann auf der Ebene der gr??eren Texteinheiten fortgesetzt werden. Diese Art der Schreibunterstützung ist in jedem Word-Programm eingebaut: Erstellt man im ge?ffneten Programm einen neuen Text, so wird einem ein gro?es Inventar an Dokumentvorlagen angeboten. Für die Textsorte ?Newsletter/Magazin“ etwa handelt es sich um fertig formatierte Dokumente, die bei Texten, überschriften, Bildern und so weiter ausschlie?lich mit Platzhaltern bestückt sind. Mit diesen Platzhaltern wird zugleich beschrieben, wie der Autor seine eigenen Textstücke an dieser Stelle gestalten soll. Weitere Automatisierungen der Word-Datei sorgen dafür, dass auch Inhaltsverzeichnisse, Seitentitel, Beschriftungen und Verweise funktionsf?hig und konsistent sind. Derartige formularartige Vorlagen sind starr, dynamische Vorlagen ben?tigen eine zus?tzliche Abstraktionsebene in Gestalt von Regeln, die den Aufbau von Texten eines bestimmten Typs beschreiben. Plotbot ist so ein System, das den Benutzer beim Schreiben eines Drehbuchs unterstützt.24 Dabei kann dieser zwischen unterschiedlichen Versatzstücken ausw?hlen, so dass passende Felder angezeigt werden, in die eigener Text einzutragen ist. Das System sorgt dabei für das professionelle Layout des entstehenden Drehbuchs. Noch weitergehend ist die Unterstützung, die durch regelrechte Textgrammatiken erm?glicht wird. Mit solchen Grammatiken kann der Aufbau von Texten eines bestimmten Typs in allgemeiner Form dargestellt werden. Dies geschieht mit Regeln, die auch Alternativen, besondere Bedingungen oder Einschr?nkungen bezüglich Form und Inhalt an bestimmten Textstellen (beispielsweise an einer Stelle, wo eine Adresse erwartet wird) festlegen k?nnen. Solche Textgrammatiken spielen mit der Markierung von Textstrukturen auf der Grundlage von XML zusammen. Spezielle Texteditoren für XML- Dokumente berücksichtigen Textgrammatiken beim Schreiben derartiger Texte, wodurch diese sehr genau in ihrer Struktur festgelegt werden k?nnen. XML-Editoren finden etwa beim Schreiben von technischen Dokumentationen oder W?rterbucheintr?gen Verwendung – typisch für Textsorten, die besonders stark einem vorgeschriebenen Aufbau unterliegen.

3.2 Textgenerierung

Mit dem Schreiben ist es wie mit dem Autofahren. Eigentlich handelt es sich um menschliche T?tigkeiten, die bestimmte technische Voraussetzungen besitzen. Sowohl beim Schreiben als auch beim Autofahren haben in den letzten Jahren Hilfssysteme Einzug gehalten, die diese T?tigkeiten unterstützen. Welche dies beim Schreiben sind, haben wir uns gerade angesehen, das Autofahren wird mittlerweile unterstützt durch Spurhalte- und Einpark-Assistenten, durch Kollisions- und Müdigkeitswarnsysteme und durch eine Kolonnen-Fahrautomatik. Der n?chste Schritt zeichnet sich ganz von selbst ab: das vollautomatische Schreiben, das?vollautomatische Fahren. Das automatische Fahren wird seit Jahren von den gro?en Automobilherstellern – und selbstverst?ndlich auch von Google – erforscht, erste Experimentalfahrzeuge sind schon auf den Stra?en unterwegs. Auch das automatische Schreiben, die sogenannte Textgenerierung, ist seit langem Gegenstand der computerlinguistischen Forschung. Erst neuerdings aber gibt es Internet-Dienstleister, die sie tats?chlich einsetzen. Aus Versatzstücken etwa generiert die Firma?Coliloquy?E-Books für ihre Leser. Dazu k?nnen diese über Formulare festlegen, ob sie eine m?nnliche oder eine?weibliche Hauptfigur bevorzugen oder ob Magie im Roman vorkommen darf.25 Ausgehend von derartigen Festlegungen wird aus einem Fundus von fertigen Textstücken ein Roman erzeugt, der ganz den Vorlieben des Lesers entspricht. Bei der v?llig freien, also ohne Versatzstücke erfolgenden automatischen Generierung von Texten werden als Ausgangspunkt Informationen ben?tigt, die in einer textuellen Form vermittelt werden sollen. Besonders gut kann dies dort gelingen, wo Aufbau und sprachliche Umsetzung der entstehenden Texte besonderen Regeln unterliegen. Bei Wettervorhersagen ist dies beispielsweise der Fall, bei medizinischer Korrespondenz oder für technische Dokumentationen.26 Hier geht es oft darum, die Texte an bestimmte Leser, Situationen oder Gegenst?nde anzupassen. Bei der technischen Dokumentation etwa sollen die Texte so variabel gebildet werden k?nnen, dass alle m?glichen Varianten eines Produkts, zum Beispiel eines Autos, erfasst werden. Auch Wettervorhersagen sind nicht immer identisch aufgebaut, auch bei ihnen müssen übergeordnete kommunikative Funktionen im Text umgesetzt werden. Wissenschaftlich gesehen flie?en bei der Textgenerierung verschiedene Forschungsbereiche zusammen: die logische Repr?sentation?von Wissen, die Planung kommunikativer Strategien, die Auswahl von W?rtern, Wendungen?und grammatischen Konstruktionen.27 Dabei kommen auch Formulierungsmuster zum?Einsatz, die ja auch wir Menschen st?ndig nutzen, wenn wir schreiben, beispielsweise Muster?wie dieses: ?Auch wenn X geschehen ist, so sollte doch Y getan werden, wobei Z beachtet werden sollte.“ Die Nutzung solcher Muster ist es auch, die die Textgenerierung inzwischen zu einem anwendbaren Produkt hat werden lassen. Die amerikanische Firma?Narrative Science?ist hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt zur Erzeugung von sprachlichen Beschreibungen von Baseball-Spielen. Ausgangspunkt waren dabei tabellarische Daten zum Spiel: Punkte, Auswechslungen von Spielern, Fouls und so weiter. Einen solchen?Mechanismus bietet?Narrative Science?nun seinen Kunden an, Kunden, bei denen viele Daten anfallen, die aber auch gedeutet werden müssen. Daten, die verarbeitet werden k?nnen, stammen etwa aus Gesch?fts- oder Finanzvorg?ngen, von Webseiten oder sozialen Netzwerken. Das System analysiert und interpretiert diese Daten, um daraus eine Erz?hlung (englisch?narrative) zu formen – Zusammenfassungen für Führungspersonen, Anschreiben an Kunden oder Webseiten-Profile.28?Dass Zahlen in Gestalt einer Geschichte tats?chlich für die meisten Menschen viel besser zu erfassen sind, liegt daran, dass in den sprachlichen Ausdrücken zugleich Bewertungen enthalten sind. Die Ums?tze ?steigen“ um 15 Prozent, die Gewinnentwicklung ist ?unbefriedigend“ und verharrt nicht einfach nur auf dem gleichen Wert. Die Software unterscheidet sich dabei von jenen Web-Seiten, auf denen man irgendwelche Nonsens-Texte generieren lasen kann –?Narrative Science?erzeugt den Text tats?chlich in Hinsicht auf die übermittlung einer bestimmten Bedeutung. Die Firma unterh?lt mit seiner Software sogar einen eigenen, vollautomatisch generierten Blog auf der Internet-Plattform des Wirtschaftsmagazins?Forbes.29?Dort findet man die typische B?rsen-Berichterstattung zu Unternehmen oder Branchen, bei denen gerade interessante Entwicklungen zu verzeichnen sind. Jemand, der nicht wei?, dass diese Beitr?ge von einem Computerprogramm verfasst worden sind, wird dies auch nicht bemerken. Hier ist es also soweit: Der Mensch wird zum Schreiben nicht mehr ben?tigt.?

3.3 Schreibanalytik

Natürlich kann der Computer beim Schreiben auch zur überwachung herangezogen werden. Das ist sehr einfach: Geheimdienste oder Kriminelle k?nnen mit Viren oder Trojanern in fremde Rechner eindringen und dort durch unerkannt im Hintergrund laufende Programme aufzeichnen, was jemand auf diesem Rechner schreibt. Die im Sommer 2013 durch den ?Whistleblower“ Edward Snowdon aufgedeckten ?Abh?r“-Praktiken der amerikanischen?National Security Agency(NSA) sind ja vor allem ?Mitlese“-Praktiken. Dass es kein gr??eres?Problem darstellt, in der digitalen Sph?re den Schreibprozess aufzuzeichnen, habe ich schon erw?hnt. Auch die Hintergrunddaten, die bei den vielen in diesem Abschnitt geschilderten hybriden Schreibverfahren im Computer des Schreibenden anfallen, sind eine ergiebige?Quelle für die Aussp?hung. Eine besondere Form der Aufzeichnung besteht darin, die?Dynamik des Tastenanschlags zu analysieren. Dazu wird nicht nur aufgezeichnet, welche?Taste gedrückt wurde, sondern auch wie lange und in welchem zeitlichen Abstand zur vorhergehenden. Weil die Art und Weise, wie ein Mensch tippt, eine sehr individuelle Angelegenheit ist, k?nnen derartige Daten sogar für die Identifikation und Authentifizierung?von Schreibern eingesetzt werden.30 Aus der Analyse des Schreibprozesses?sind aber auch Hinweise darauf zu erhalten, wie konzentriert oder wie flüssig ein Nutzer einen Text?geschrieben hat.31 Aus diesem Grund ist die Analyse des Tastenanschlags auch in digitalen Lernumgebungen von Interesse.32 Wie sicher werden Aufgaben bearbeitet, wie oft wird etwas korrigiert? Der Tastenanschlag kann sogar Auskunft darüber geben, in welcher Stimmung jemand einen Text geschrieben hat. Andere M?glichkeiten der Schreibanalyse ergeben sich?aus der genauen Untersuchung des Texts selbst: Gibt es gr??ere übereinstimmungen mit anderen Texten? Wurden wom?glich ganze Textteile übernommen und nicht als solche markiert? Die Erkennung von Plagiaten ist sehr viel einfacher geworden, seitdem sehr viele wissenschaftliche Texte digital im Internet verfügbar sind.?

Die Schreibanalytik wird bald nicht nur die Frage beantworten, was ein Schreiber getan oder gedacht hat oder in welcher Verfassung er sich beim Schreiben gerade befindet, sondern auch, was er als N?chstes tun oder wissen m?chte.?Google Now, eine Anwendung auf dem Smartphone-Betriebssystem?Android, bemüht sich darum schon heute. Wenn man einen Besuch in Hamburg plant und in der Web-Suche nach dem dortigen Wetter am Wochenende sucht, bietet einem das Programm eine Route für die Fahrt nach Hamburg oder eine übersicht über passende Flugverbindungen an – und zwar ohne dass man selbst diese Informationen gesucht h?tte. Es handelt sich um eine der ersten Anwendungen von ?prophetischer Suche“ (predictive search), die logische Weiterführung der verschiedenen Unterstützungssysteme, die es mittlerweile für den Schreibvorgang gibt. Die amerikanische Firma?Cataphora?geht sogar noch weiter: Sie analysiert für gro?e Firmen die Emails, die die Mitarbeiter in einem bestimmten Zeitraum geschrieben haben, und leitet daraus Voraussagen ab, welche Mitarbeiter zukünftig für das Unternehmen problematisch werden k?nnten, etwa in Hinsicht auf ?Korruptionsanf?lligkeit“ oder Betrugsabsichten.33 Hier wird die Sph?re der Textproduktion?verlassen, indem ein allgemeineres Kommunikationsziel erschlossen wird. Die Algorithmen machen sich also aus dem, was Menschen schreiben, ein Bild davon, wer sie sind und was?sie wollen.?

4. Multimediales Schreiben

Wie nennen Sie es, wenn Sie eine Pr?sentation erstellen? ?Schreiben“ Sie sie? ?Entwerfen“ oder ?gestalten“ Sie sie? Ein wirklich passendes Wort gibt es für diese T?tigkeit bislang nicht. Wenn Sie nicht schon eine fertige Vorstellung von dem haben, was in der Pr?sentation erscheinen soll, dann denken Sie bei der Erstellung über die Inhalte in ?hnlicher Weise nach wie beim Schreiben eines Textes. Doch beim ?Schreiben“ einer Pr?sentation muss man st?ndig weitere Entscheidungen treffen: Vermittle ich eine Information als Text, als Bild oder als animierte Grafik? Verflechte ich die verschiedenen Vermittlungsarten miteinander, oder lasse ich sie unverbunden nebeneinander stehen, damit der Zuh?rer diese Verbindung herstellen kann? Wie koordiniere ich die verschiedenen Informationsarten? Das ?Schreiben“ multimedialer Texte geht also weit über das hinaus, was das ?reine“ Schreiben ausmacht: den Inhalt strukturieren, Textmuster ausw?hlen und Formulierungen finden. Multimediales Schreiben beinhaltet auch die Auswahl der Medien, die in einem Text zur Darstellung von Inhalten herangezogen werden sollen, ihre Verzahnung und die Berücksichtigung des angenommenen Umgangs des Lesers mit diesem Medienangebot.

Ein guter Autor verfolgt immer zwei Ziele: Er will einen bestimmten Inhalt m?glichst sachgerecht übermitteln, und er will dabei den Kenntnissen, Interessen und Lesegewohnheiten der erwarteten Leser m?glichst gut entgegenkommen. Bei der Betrachtung des multimedialen Lesens kann man sehen, dass bei digitalen Texten, vor allem bei Web- Seiten, andere Lesegewohnheiten beobachtet werden k?nnen als bei gedruckten Texten. Im digitalen Medium ist das überfliegende, ?scannende“ Lesen viel weiter verbreitet; selbst bei l?ngeren, zusammenh?ngenden Texten verteilt sich die Wahrnehmung nach demselben F- Muster, das eigentlich die schnelle Durchsicht von Listen und Portalseiten charakterisiert. Jakob Nielsen, bereits seit den 1990er Jahren der bekannteste Berater für die Gestaltung von Web-Seiten, fasst dies so zusammen: ?Wie Nutzer im Web lesen: Sie machen’s nicht.“34?Aus dieser Erkenntnis leitet er praktische Richtlinien dafür ab, wie Texte gestaltet werden sollten, damit sie dem scannenden Lesen m?glichst weit entgegenkommen. Er empfiehlt die?Hervorhebung von wichtigen W?rtern, das Einfügen von Zwischenüberschriften, die?Verwendung von Listen (die sogenannten?Bulletpoint-Listen), die Bildung kurzer Abs?tze, die nicht mehr als einen Gedanken ausführen, und insgesamt das Schreiben kürzerer Texte.

Selbst der Textaufbau insgesamt sollte sich an den Erfordernissen einer schnellen, oberfl?chlichen Lektüre orientieren: Nielsen empfiehlt, die Schlussfolgerung, die Quintessenz, die sich aus einem Text ergibt, an den Anfang zu stellen und dann nach und nach zu entfalten. Auf diese Weise wird die wesentliche Information gleich am Anfang vermittelt, die Lektüre des Textes kann an beliebiger Stelle abgebrochen werden oder ?ausdünnen“, ohne dass der Leser auf die Kernaussage verzichten muss. Ein anderes Mittel des Textaufbaus ist es, Inhalte von vornherein als?Micro-Content?zu konzipieren. Damit sind kurze, in sich abgeschlossene Textstücke von maximal zwei, drei S?tzen gemeint, die dennoch eine vollst?ndige inhaltliche Einheit bilden. Die Anrei?er zu den einzelnen Artikeln in einem Nachrichtenportal, die auf der übersichtsseite zu sehen sind, sind solche ?Mikro-Inhalte“ ebenso wie Zusatzinformationen,?die in Gestalt von kleinen Textk?sten erscheinen.?

Für Journalisten ist es in ihrem Beruf zentral, die Verbindung zwischen Gegenstand und Leserorientierung bestm?glich herzustellen. Deshalb ist die Methodik des Schreibens seit jeher ein wichtiger Bereich der Journalistik. Heute spricht man von Online-Journalismus, wenn es um die Besonderheiten des journalistischen Schreibens für das Web geht. Wegen des praktischen Anspruchs des Online-Journalismus kann man besonders gut erkennen, in welcher Weise das multimediale Schreiben über das traditionelle Schreiben hinausgeht.35 Bei der sprachlichen Gestaltung ist etwa die Kennzeichnung von Links zu berücksichtigen und die M?glichkeiten der Navigation im Text. Wie soll der Text portioniert werden, wie viel und welche Art von Interaktion soll er erfordern? Bei Online-Texten wird au?erdem mehr Bildlichkeit erwartet. Welche Arten von Bildern sind besonders geeignet, wie werden sie einbezogen? Der Online-Journalist hat bei alldem zu bedenken, dass seine Texte in unterschiedlicher Weise genutzt werden, auf Web-Seiten, in Smartphone-Apps oder auch für den Ausdruck optimiert. Die Textgestaltung hat sich darauf einzustellen. Nielsen hat auf die Bedeutung von ?Mikro- Content“ hingewiesen; der Online-Journalismus hat deshalb auch diese Web-spezifische Textsorte zu berücksichtigen. Zur Multimedialit?t geh?ren auch bewegte Bilder und T?ne: Welche Inhalte sind dafür besonders geeignet, wie sind sie einzubinden? Und schlie?lich k?nnen sich Online-Journalisten auch an ganz neuen Vermittlungsformen beweisen, an ?Hypermedia-Patchworks“, ?Grafimations“, ?Slideshows“, ?Online-Features“ oder??Webspecials“.36?All diese Formen nutzen in noch h?herem Ma?e die M?glichkeiten nicht- textueller Informationsvermittlung und erfordern daher eine ganzheitlich multimediale Planung.?In einer ?Grafimation“ etwa geht diese von einer grafischen Grundidee aus, in einem ?Webspecial“ oft von einer Zeitleiste. Beim multimedialen Schreiben muss man sich somit von der Vorstellung l?sen, das Schreiben sei ausschlie?lich von Erfordernissen des textuellen Aufbaus oder der Argumentation geleitet. Stattdessen hat es sich auch Vermittlungswegen,?die durch andere Medien gepr?gt werden, anzupassen.?

Sehr viel deutlicher am traditionellen Format des Buchs orientiert sich das E-Book. Als E- Books wurden bislang vor allem gleichzeitig als Printprodukt verfügbare Bücher vermarktet, die nur über das E-Book-Leseger?t durch zus?tzliche Funktionen wie Kommentarbereiche, W?rterbuch- und Lexikonabfrage aufgewertet wurden. Dass E-Books, die speziell als solche geschrieben werden, mehr sein k?nnen als traditionelle Bücher auf elektronischem ?Papier“, zeigen einige interessante Publikationen. Die?iBook?Textbooks beispielsweise integrieren interaktive Grafiken, ganze Bildergalerien, Pr?sentationsfolien, Zeitleisten, Video- und Audioinhalte, sogar dreidimensionale Modelle und interaktive übungen. Ein besonders umfassendes und benutzerfreundliches System, das solche E-Books zur Publikation auf dem Computerdisplay mit geringem Aufwand zu erstellen erlaubt, ist das Software-Paket iBook von Apple. Es handelt sich dabei um eine Art Textverarbeitungssystem, das ausgerichtet ist auf die Publikation des Textes als E-Book, weshalb dem Autor vor allem die Integration von digitalen Bildquellen sehr leicht gemacht wird.36 Solche stark mit multimedialem Zusatzmaterial angereicherten Bücher sind besonders gut als wissenschaftliche Lehrwerke geeignet oder für Gegenst?nde, die als solche sehr visuell angelegt sind, etwa Reisebeschreibungen, Natur- und Kunstführer, handwerkliche Ratgeber und so weiter. Für das Schreiben oder Entwickeln solcher E-Books gibt es bislang keinen breiteren Erfahrungsschatz. Soll erst eine Textbasis erstellt werden, in die das Bildmaterial integriert wird, oder soll sich die textuelle Darstellung von vornherein an besonders gut visualisierbaren Inhaltsbereichen orientieren? Interaktive Grafiken,?3D-Modelle, Bildergalerien und Videos werden au?erdem oft nicht vom Autor des Textes stammen. Die Produktion eines multimedialen E-Books hat deshalb als ein Projekt zu erfolgen, in dem von verschiedenen Seiten zu Inhalt und Darstellung beigetragen wird. Die autonome, ja isolierte Schreibt?tigkeit des traditionell arbeitenden Autors muss dabei dem Management eines Multimedia?Schreibprojekts weichen, in dem die Arbeit der einzelnen Beitr?ger mit ihren unterschiedlichen Erzeugnissen passgenau miteinander verbunden wird.?

Einen Eindruck davon, wie eine solche multimediale Textproduktion aussieht, kann man heute bei der Erstellung von Pr?sentationen gewinnen. Wenn Sie an einer solchen arbeiten, springen Sie zwischen verschiedenen Rollen hin und her. Sie formulieren Textstücke, entwerfen eine Grafik, gestalten das Seitenlayout, suchen nach geeigneten Fotos im Netz und passen vielleicht ein Video so an, dass es in der Pr?sentation verwendet werden kann.37 Als Pr?sentator ist man Autor, Grafiker und Regisseur, schlie?lich noch der Darsteller und derjenige, der auch für die sp?tere Dokumentation und Speicherung zust?ndig ist. Von gro?en Firmen wird die Entwicklung von wichtigen Pr?sentationen oft in spezialisierte Agenturen ausgelagert, in denen diese verschiedenen Rollen tats?chlich durch verschiedene Mitarbeiter eingenommen werden. Ganze Teams ?schreiben“ gemeinsam an einer Pr?sentation als multimedialem Text und entwickeln die Darstellung aus einer übergreifenden Erz?hlung, die erst in nachgelagerten Schritten auf die verschiedenen Medien verteilt wird.

Weit verbreitete Pr?sentationssysteme wie Powerpoint von Microsoft oder?Keynote?von Apple bieten dem Nutzer vorab konfigurierte Folienelemente, die für Visualisierungen genutzt werden k?nnen. In Powerpoint werden diese unter dem Begriff?SmartArt?geführt; grafische Modelle für Zyklen, Hierarchien, Beziehungen oder andere Inhaltsarten k?nnen hier ausgew?hlt und anschlie?end leicht mit individuellen Beschriftungen versehen werden. In einem Kommentarbereich werden geeignete Verwendungsweisen dargestellt. Die Grafiken selbst transportieren gedankliche Bilder, die die Inhalte der Pr?sentation gliedern sollen: Im Bereich ?Beziehungen“ etwa werden Waagen, Filter, Batterien, Getriebe, schematisierte Summenformeln oder Zwiebelmodelle zur Verfügung gestellt. W?hlt der Nutzer eines dieser visuellen Darstellungsmittel aus, übernimmt er zugleich vorgefertigte Muster der Argumentation. Das hat Auswirkungen auf die Strukturierung der Inhalte. Eine grafische Darstellung, in der drei inhaltliche Aspekte A, B und C wie drei Zahnr?der in einem Getriebe miteinander verbunden sind, ruft andere Assoziationen hervor als die Formulierung ?Die Aspekte A, B und C h?ngen eng miteinander zusammen“. Beim Bild der Zahnr?der ist der Leser versucht, weitere Eigenschaften der technischen Konfiguration auf den beschriebenen Inhaltsbereich zu übertragen. So k?nnte er sich etwa fragen, was es zu bedeuten hat, dass sich die Zahnr?der in unterschiedliche Richtung drehen, dass sie unterschiedlich gro??dargestellt sind und so weiter. Je nachdem, ob wir ein sprachliches oder ein visuelles Bild in?uns aufnehmen, werden bei uns andere Assoziationen aktiviert. Deshalb ver?ndert die übertragung von einem Medium in ein anderes zugleich immer auch den Inhalt. Der Autor multimedialer Texte muss sich also darüber bewusst sein, dass er die Inhalte nicht nur in unterschiedliche mediale Gef??e gie?t, sondern diese in den Gef??en unterschiedliche Brechungseigenschaften für den Sinn aufweisen. Die Tendenz zur Bildlichkeit, die gerade in wissenschaftlichen Lehrbüchern und Pr?sentationen zu verzeichnen ist und sich auch in so abstrakten Disziplinen wie der Mathematik oder der Philosophie ausbreitet, erschlie?t also für das Dargestellte einen neuen Sinn, l?sst aber auch die rein sprachliche Sinnerschlie?ung verarmen.?

Anders als hybrides Schreiben stellt das multimediale Schreiben somit zus?tzliche Anforderungen an einen Autor. Es enth?lt weitaus mehr Planungsprobleme, die zu l?sen sind, und erfordert mehr Fertigkeiten bei der Umsetzung. Es ist von vornherein auf den Text als Fl?che ausgelegt mit all seinen Gestaltungsm?glichkeiten, weshalb auch das Diktieren eines solchen Textes nicht m?glich ist. Die Eigenschaften der Bildlichkeit erschlie?en aber neue Bezugsr?ume für den Sinn, wie wir gesehen haben, und bildliche Darstellungen sind sehr schnell zu erfassen. Das wirkt auch auf den Text zurück: Multimediale Texte kommen der Tendenz zum Scannen von Texten entgegen, indem sie die ganzheitliche Erfassung erm?glichen. Es ist tats?chlich leichter, einen Kreislauf zu erkennen, wenn er visuell durch kreisf?rmig angeordnete Pfeile so dargestellt und entsprechend beschriftet ist, als wenn man einen Absatz lesen muss, in dem der Kreislauf verbal beschrieben wird. Und genau diese Eigenschaft ist es auch, die multimediale Texte zu einem Werkzeug in der internationalen, mehrsprachigen Kommunikation macht: Sie sind leichter zu übersetzen und k?nnen oftmals sogar ohne übersetzung verstanden werden. Die Multimedialisierung von Texten ist ein Begleitph?nomen der Globalisierung.?

5. Soziales Schreiben

Das Schreiben eines Textes ist ein kommunikativer Akt und somit immer sozial eingebettet. Zwar ist das Schreiben selbst eine individuelle, Konzentration erfordernde T?tigkeit, aber etwas zu schreiben ist immer an jemanden gerichtet, und sei es an den Schreiber selbst zu einem sp?teren Zeitpunkt. Dieser soziale Aspekt des Schreibens ist an die Bedingung?geknüpft, dass der geschriebene Text r?umlich oder zeitlich irgendwie zu einem Kommunikationspartner gelangt. In der Schriftkultur ist dieser Anforderung durch den Postverkehr, durch den Buchhandel und durch Bibliotheken entsprochen worden. Die Vernetzung von Computern beschleunigt, verbilligt und vereinfacht die schriftliche Kommunikation erheblich. Texte werden über das Internet verschickt und auf Servern gespeichert. Das hat das soziale Schreiben befeuert, und es sind neue technische M?glichkeiten, neue Textsorten und neue textbasierte Kommunikationsformen entstanden, wodurch sich die schriftliche Kommunikation insgesamt grundlegend ver?ndert hat. Der Schreibende ist nicht mehr mit sich allein.?

5.1 Sozialit?t der Inhalte

Soziales Schreiben hat zwei Dimensionen. Die erste richtet sich auf das, was ein anderer bereits geschrieben hat, das hei?t auf seine Texte, die zweite Dimension darauf, wie ein anderer schreibt, auf dessen T?tigkeit. Das eine ist die Sozialit?t der Inhalte, das andere die Sozialit?t der Schreibenden. Für beides gibt es historische Vorl?ufer. Die Sozialit?t der Inhalte wird in gedruckten Werken durch Verweise und bibliografische Angaben hergestellt. Vor allem in wissenschaftlichen Texten wird mit Zitaten oder einer sinngem??en Wiedergabe des Inhalts auf andere Werke verwiesen, die im Literaturverzeichnis so genau beschrieben werden, dass man sie als Leser in einer Bibliothek finden k?nnte. Andere traditionelle Formen des sozialen Schreibens sind der Leserbrief und die Rezension. Auch einen wissenschaftlichen Sammelband k?nnte man als das Produkt eines inhaltlichen sozialen Schreibens verstehen, da sich die einzelnen Beitr?ge oftmals direkt aufeinander beziehen. Im digitalen Medium, vor allem mit der Verbreitung des?World Wide Web, ist es viel einfacher geworden, Beziehungen zwischen Texten herzustellen. Dazu genügt es, einen Link zu setzen – das Anklicken des Links führt sofort zu einem anderen Text. Der verlinkte Text wird nicht zitiert, sondern erscheint als solcher, so dass auch ?nderungen, die sein Autor an ihm vornimmt, beim Aufruf sichtbar sind. Der Verweis auf einen Text geschieht durch einen Web-Link, nicht mehr durch eine bibliografische Angabe. Diese Grundidee hatte Tim Berners-Lee dazu gebracht, in den 1980er Jahren über die Vernetzung von Texten nachzudenken – nicht mehr die Verweise auf Texte sollten dargestellt werden, sondern die Texte, auf die verwiesen wird, selbst. Das ist das Prinzip des Hypertextes, zusammengebracht mit der Vernetzung von Computern im Internet.?

Auf Webseiten von Firmen, Institutionen, Beh?rden, von Menschen, Produkten, Orten und Gruppen sieht man, wohin das geführt hat. Die Inhalte sind miteinander verlinkt, und?ausgehend von Plattformen wie Wikipedia, in denen sehr viele externe Links?zusammenlaufen, kann man über die Texte hinweg-?surfen“. Man wechselt dabei von einem Teilnetzwerk ins n?chste, sieht sich ein paar Seiten an, die eng zusammenh?ngen, bevor man über einen herausführenden Link zu einem anderen Teilnetzwerk gelangt, das zusammenh?ngend entwickelt worden ist. Informationsdschungel wild gewachsener Verlinkungen wechseln sich mit sorgsam kultivierten Informationsg?rten ab. Die Verbindung?von Hypertext und Internet hat aber auch zu neuen Textsorten geführt, die die Potenziale der ?Sozialit?t der Inhalte“ noch st?rker ausnutzen. Dies ist vor allem der Blog:38? In Blogs wird intensiv das thematisiert, was an anderer Stelle im Web publiziert wurde. In den Artikeln des Blogs verweisen Links oftmals direkt auf Blog-Artikel anderer Autoren im Web. Die?Blogsoftware sorgt dafür, dass ein Blog-Autor darüber informiert wird, wenn auf seine?Blogartikel Links gesetzt werden. Die Artikel eines Blogs werden alle automatisch mit sogenannten Permalinks versehen, mittels derer man von au?erhalb dauerhaft auf den Artikel verweisen kann. In der ?Blogroll“, ebenfalls ein h?ufig vorkommendes Element von Blogs, werden Links zu Blogs erfasst, zu denen eine wie auch immer geartete inhaltliche Verbindung besteht. Die Artikel in einem Blog k?nnen au?erdem kommentiert werden, wodurch?Textbeitr?ge anderer Autoren in den Blog eingehen. Der Blog ist somit eine Textsorte, die?ohne die M?glichkeiten des vernetzten Schreibens im Internet nicht h?tte entstehen k?nnen.?Eine andere Form der Verbindung von Inhalten ist es, Texte unterschiedlicher Autoren miteinander zu verschmelzen – die ?Montage“, eine literarische Technik, die eine lange Tradition besitzt und mit Schriftstellern wie James Joyce oder Arno Schmidt zu einem H?hepunkt gelangt ist. Die Textmontage zeichnet sich dadurch aus, dass das eigentlich Sch?pferische in der Verbindung der einzelnen Textteile liegt. Dadurch unterscheidet sich die Montage vom Plagiat, denn beim Plagiat werden nicht nur Textstücke übernommen, sondern auch die damit verbundenen Ideen, Argumente und Ausarbeitungen. Das kann auch bei literarischen Texten geschehen – Helene Hegemanns Roman ?Axolotl Roadkill“ ist in der deutschsprachigen ?ffentlichkeit in den letzten Jahren vielleicht der am meisten diskutierte Fall gewesen – viel verbreiteter ist das Plagiat allerdings bei wissenschaftlichen Qualifikationstexten.39 Auch dafür gibt es in Gestalt der Doktorarbeit des ehemaligen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg ein sehr bekanntes Beispiel aus?jüngerer Zeit. Die digitale Verfügbarkeit von Texten im Web und das einfache Kopieren und Einfügen von Textstellen unter Verwendung eines Textverarbeitungsprogramms haben das Plagiat zur dunklen Seite des sozialen Schreibens werden lassen – ein Text von vielen?Autoren, dem die Sozialit?t seiner Entstehung nicht anzumerken ist.?

5.2 Sozialit?t des Schreibens

Die zweite Dimension des sozialen Schreibens bezieht sich auf das Wie des Schreibens. Soziales Schreiben in diesem Sinne ist ein gemeinsames Schreiben, bei dem die Textanteile mehrerer Autoren untrennbar miteinander verbunden sind. Dabei k?nnen die verschiedenen Autoren entweder nacheinander arbeiten (asynchron), gleichzeitig (synchron) oder in einem Wechselspiel miteinander (dialogisch). Das asynchrone soziale Schreiben ist eine schon lange praktizierte Kulturtechnik des Menschen. Autor A schreibt einen Text, der von Autor B ver?ndert und erg?nzt wird. Wenn danach wieder Autor A den Text bekommt und ihn überarbeitet, und danach nochmals der andere, dann ist so einem Text im Normalfall kaum noch anzusehen, von wem welche Teile stammen, und es ist ein kooperativ erstellter Text von zwei Autoren geworden. Bei der Nutzung von Papier, Stift und Schreibmaschine ist das soziale Schreiben in dieser Weise eine aufw?ndige Angelegenheit. Zwar lassen sich leicht Streichungen in einem Text vornehmen, Erg?nzungen hingegen sind nur am Ende eines Textes problemlos einzutragen. Nach jedem überarbeitungsschritt muss der Text neu geschrieben werden, weil die mit einem Stift vorgenommenen Ver?nderungen sonst ab einem gewissen Punkt zu Unleserlichkeit führen würden. Die Verwendung eines Textverarbeitungsprogramms unterstützt das asynchrone soziale Schreiben somit besonders, da alle ?nderungen, ob Streichungen, Einfügungen oder Umstellungen, keine Spuren im Text hinterlassen, sondern immer wieder zu einem lesbaren Text führen. Dass die Spuren einer überarbeitung nicht mehr sichtbar sind, kann aber auch zu Problemen führen, wenn frühere Versionen eines Textes wiederhergestellt oder Ver?nderungen zwischen den Autoren diskutiert werden sollen. Textverarbeitungsprogramme erlauben es deshalb, alle Ver?nderungen eines Dokuments zu speichern und als solche bei Bedarf sichtbar zu machen. In?Word?etwa gew?hrleistet dies die Funktion ??nderungen nachverfolgen“, nach deren Einschalten jede ?nderung des Dokuments, ob Inhalt oder Formatierung, hervorgehoben wird. Beim Speichern des Dokuments bleiben diese Informationen erhalten, so dass ein Koautor, der den Text durchsieht, bei jeder ?nderungsmarkierung entscheiden kann, ob sie Bestand?haben soll oder nicht. Seine überarbeitungen werden wiederum markiert, und zwar so, dass?sie ihm zugeordnet werden k?nnen. Die kooperierenden Autoren haben darüber hinaus die M?glichkeit, durch Kommentare die von ihnen vorgenommenen Ver?nderungen zu erl?utern.

Auch wenn die M?glichkeiten des sozialen Schreibens mit Textverarbeitungsprogrammen prinzipiell auch im Internet genutzt werden k?nnen, indem die mit ?nderungsmarkierungen versehenen Texte per Email verschickt werden, so handelt es sich dabei nicht um eine wirklich integrierte Nutzung der Vernetzung. Dies machen vor allem ?Wikis“ m?glich. Der Name Wiki bezeichnet eine Kategorie von Programmen, die in normalen Web-Browsern laufen und einen Text dort nicht nur anzusehen, sondern ihn auch zu ver?ndern erlauben. Bei der überarbeitung ?ffnet sich ein Eingabefeld, in das Textstücke, Links innerhalb des Wiki- Systems, externe Links oder Bilder und einfache Formatierungsanweisungen eingegeben werden k?nnen. Die so ver?nderte Seite erscheint dann statt der ursprünglichen Seite im Web. Zur Wiki-Software geh?rt üblicherweise auch eine Versionierung, mit der ein früherer Zustand der Seite wiederhergestellt werden kann. Die ?nderungen werden, detailliert oder nur mit Hinweis auf den Autor, in einer Historie gespeichert. Weitere ?soziale“ Funktionen wie Diskussionsseiten oder das Management von Nutzerrechten runden das Wiki-System ab.40

Das bekannteste Wiki-Projekt ist Wikipedia, die riesige multilinguale Online-Enzyklop?die.41 Wikipedia nutzt die Mediawiki-Software, die ursprünglich für Wikipedia geschrieben wurde, heute als freie Software aber für Wiki-Projekte beliebig genutzt werden kann.42 Das soziale Schreiben ist vor allem bezüglich dieser Plattform besonders gut untersucht.43 Mit Wikis ist es mehreren Autoren m?glich, ohne Verz?gerung durch die Verwaltung der Daten und ihre übermittlung Texte zu bearbeiten. Weil bei der gleichzeitigen Bearbeitung eines Textes durch zwei Autoren zwei miteinander nicht mehr vereinbare Fassungen entstehen k?nnten, ist es wichtig, dass in Wikis w?hrend einer Bearbeitung keine zweite Bearbeitung begonnen werden kann. Allerdings muss es nicht immer so sein, dass die Autoren eines Wiki-Textes miteinander kooperieren, vielmehr k?nnen sie ihre Arbeit gegenseitig sabotieren oder immer wieder in einen ?lteren Zustand zurücksetzen. Mit der Hilfe von Wikis k?nnen die Bearbeitungszyklen von Texten sehr verkürzt werden, und dies kann sich bei nicht-kooperativem Verhalten zu einem Problem entwickeln, das nur durch die Einschr?nkung der Bearbeitung gel?st werden kann.?

Das Wiki-Prinzip funktioniert bis zu dem Punkt, an dem die Bearbeitung eines Textes nicht?mehr in einzelne Schritte aufgeteilt werden kann. Danach setzt das synchrone Schreiben ein.?Ist synchrones Schreiben tats?chlich sinnvoll? Mehrere Autoren sollen gleichzeitig an einem?Text schreiben? Diese Form des Schreibens hat keine Vorl?ufer in der pr?-digitalen ?ra. Das synchrone Schreiben erfordert zwingend digitale Textverarbeitung mit vernetzten Computern. Die Textverarbeitung muss sicherstellen, dass sich der Text durch die gleichzeitig arbeitenden Autoren st?ndig an mehreren Stellen ver?ndert, und nur die Vernetzung macht es m?glich,?dass ein und derselbe Text von zwei Schreibenden an ihren Tastaturen bearbeitet werden?kann. Synchrones Schreiben ist also eine digitale Besonderheit, und auch immer noch eine Kuriosit?t. ?Normale“ Textverarbeitungsprogramme unterstützen das synchrone Schreiben bislang nicht. Das verbreitetste System für synchrones Schreiben ist?Docs, ein Online- Textverarbeitungssystem, das in den von Google angebotenen Online-Datenspeicher namens?Drive?integriert ist.?Docs?sieht auf den ersten Blick wie die stark vereinfachte Variante von?Word?aus. Textdateien, die damit erstellt werden, k?nnen jedoch für andere bei Google angemeldete Nutzer freigegeben werden. Rufen mehrere Nutzer, die dazu berechtigt sind,?eine Textdatei gleichzeitig auf, dann k?nnen sie diese tats?chlich auch gleichzeitig bearbeiten. Am rechten Fensterrand erscheint dabei eine Liste mit den anderen gerade aktiven Nutzern, denen jeweils eine Farbe zugeordnet ist. Im Text sind die Teile, die von diesen Autoren stammen, mit der entsprechenden Farbe hinterlegt. An der Stelle im Text, an der die
Koautoren gerade arbeiten, befinden sich Schreibmarkierungen, die mit dem jeweiligen Namenskürzel versehen sind. Es ist eine faszinierende Erfahrung, wenn man einmal miterlebt, wie sich ein Text, an dem man gerade schreibt, an mehreren anderen Stellen gleichzeitig ver?ndert! Andere ?kollaborative Editoren“, wie sie auch genannt werden, sind?Etherpad?oder?Zoho?Docs.44??hnlich funktioniert auch das Programm Padlet, das den Nutzern eine Art Tafel
zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung stellt, auf der Textstücke und Grafikelemente frei positioniert werden k?nnen.45 Eine wichtige Funktionalit?t derartiger Editoren ist es, parallel?zum eigentlichen Text einen Chat führen zu k?nnen. Auch Kommentare k?nnen zum Teil in?den Text eingefügt werden.?

Ganz klar ist es allerdings nicht, wie man synchrones soziales Schreiben tats?chlich gewinnbringend in einer Autorengruppe organisieren kann. Gut geeignet ist es für stark gegliederte Texte, deren einzelne Teile unabh?ngig voneinander bearbeitet werden k?nnen. Anwendbar ist es auch im Rahmen von?Brain Storming-Prozessen. Ideen k?nnen frei eingetragen und miteinander kombiniert werden. Das Schreiben muss aber auch hier immer durch das Lesen der Textteile der Mitautoren begleitet sein. Durch die farbige Markierung ist auch die schriftliche Diskussion eines Textes recht gut m?glich, denn dabei k?nnen die jeweiligen Textbeitr?ge als Kommentare verstanden werden. In beiden F?llen ist aber eine gewisse Disziplin notwendig und die Einhaltung von Regeln, weil sonst eine unproduktive Situation entstehen kann. Sinnvoll ist es auch, das synchrone Schreiben durch einen Audio- Kanal zu unterstützen – entweder als Telefonkonferenz oder indem die Schreibgruppe tats?chlich zusammensitzt und die Teilnehmer an ihren Laptops den gemeinsamen Text bearbeiten. Da alle das Gleiche sehen, k?nnen sie sich auch darüber verst?ndigen. Dies ist?eine wichtige Voraussetzung für echte Kooperation.46?

Eine ganz andere Form des synchronen Schreibens wird in sozialen Netzwerken praktiziert. In Gruppen, in denen sich die Fans bestimmter belletristischer Publikationen, etwa der ?Harry Potter“-Romane, zusammenfinden, werden in mehr oder weniger organisierter Form Textstücke für die Weiterführung einer Geschichte geschrieben, sogenannte ?Fan Fiction“. In manchen Gruppen, beispielsweise in der zum Fantasy-Roman ?Kingdom Keepers“47, wird die Beteiligung der Leser in der Weise genutzt, dass bestimmte Erz?hlabschnitte vorgegeben werden, zu denen man Vorschl?ge einreichen kann. über diese wird anschlie?end abgestimmt, die Vorschl?ge mit den meisten Stimmen werden in den in der Entstehung befindlichen Roman des Autors aufgenommen. Auf der Webseite k?nnen die Leser die Entstehung des Romans verfolgen, die von Fans geschriebenen Textstücke sind darin hervorgehoben.

Betrachten wir noch eine weitere Variante des sozialen Schreibens. Das dialogische Schreiben ist Teil eines schriftlich geführten Gespr?chs zwischen zwei oder mehr Beteiligten. Der Chat ist eine weit verbreitete Form davon. Die Textbeitr?ge der verschiedenen Autoren erscheinen asynchron, hintereinander im zeitlichen Verlauf aufgelistet. Sie entstehen aber in einer gemeinsamen ?Gespr?chs“-Situation und k?nnen deshalb auch als synchron verstanden werden. Das dialogische Schreiben ist also gleichzeitig asynchron und synchron – asynchron, weil eine zeitliche Reihenfolge der Beitr?ge gebildet wird, und synchron, weil diese im gleichen zeitlichen Rahmen entsteht. Im Chat wird allerdings kein Text produziert, allenfalls das automatisch aufgezeichnete Protokoll der einzelnen Beitr?ge k?nnte man als eine Art Produkt ansehen.48

?hnlich sieht es beim sogenannten?Microbloggingaus, dessen bekanntestes?Beispiel?Twitter?darstellt.49 Im Gegensatz zum Chat gibt es hier keine abgegrenzte Gespr?chssituation als Rahmen, dieser wird stattdessen durch die Autoren gebildet, deren Beitr?ge ein Nutzer ?abonniert“ hat. So k?nnen in einer gr??eren, für die Beteiligten nicht klar umrissenen Gruppe Konversationen entstehen, die ebenfalls die Merkmale der Asynchronit?t und Synchronit?t zugleich aufweisen. Auch das dialogische Schreiben in einer Gruppe ortsverteilter Autoren ist nur über vernetzte Computer realisierbar. Die besonderen Eigenschaften dieser Kommunikationsformen sind recht gut untersucht50 – ein Ergebnis dieser Untersuchungen besteht in der Erkenntnis, dass es sich bei dialogischem Schreiben?tats?chlich um eine eigenst?ndige schriftliche Kommunikationsform handelt und nicht einfach?nur um Gespr?che in einem anderen Medium. Dies ist an besonderen sprachlichen Formen zu erkennen, die verwendet werden, und typisch schriftsprachlichen Elementen wie den?Emoticons, aus Buchstaben und Zeichen gebildeten Symbolen. Soziale Netzwerke wie?Facebook?oder?Google+?unterstützen schriftliche Kommunikationsformen, die Elemente von Chat und?Microblogging?miteinander vereinen, und geben ihnen einen festen Rahmen. Wie?dies für die soziale Textproduktion genutzt werden kann, zeigt der Roman?Zwirbler, ein ausschlie?lich durch Nutzerbeitr?ge ohne zugrunde liegenden Plan entstehender Roman.51

6.?Schluss

Die Kulturtechniken des Lesens und Schreibens sind durchdrungen von ihrer historischen Entwicklung, den Eigenschaft des Zeichensystems Schrift und seinem Verh?ltnis zur Sprache, den medialen Voraussetzungen, den kognitiven Gegebenheiten des Menschen und der umgebenden gesellschaftlichen Praxis. All das pr?gt die Kulturtechniken der Schrift zu jedem Zeitpunkt, und wenn wir heute einen Text lesen oder schreiben, sollten wir uns vergegenw?rtigen, dass diese T?tigkeiten über Generationen entstanden, von unseren Vorfahren nach und nach verfeinert und von uns mühsam erlernt worden sind – so einfach und natürlich sie uns jetzt auch erscheinen m?gen. Es ist ein Gefüge von Bedingungen, das sich verschiebt, wenn sich nur eine dieser Bedingungen zu verschieben beginnt. Und genau das findet derzeit mit der Digitalisierung des Schreibens statt.?Das Schreiben hat sich durch Digitalisierung und Vernetzung ver?ndert. Der Computer schreibt mit und manchmal auch ohne uns, es wird nicht nur Text geschrieben, sondern es werden multimediale Artefakte entworfen, und das Schreiben hat sich in die Gemeinschaft ?hinein ge?ffnet. Hybridit?t, Multimedialit?t und Sozialit?t wirken als kulturelle Tendenzen über das Lesen und Schreiben hinaus, weil sie die Produkte der Schrift ver?ndern und die?Prozesse ihrer Entstehung und Nutzung beeinflussen. Was vergeht, wenn hybrid, multimedial und sozial geschrieben wird? Und was entsteht durch diese kulturellen Einflüsse? Wir k?nnen die Kulturtechniken nicht praktizieren, ohne dass sich unweigerlich etwas im kulturellen?Gefüge insgesamt verschieben würde. Das Schreiben ist nach und nach eine so wichtige T?tigkeit in unserer Gesellschaft geworden, dass wir Organisationsformen entwickelt haben,?die Konsequenzen ihrer Anwendung sind. In Schulen wird es unterrichtet, in Archiven Geschriebenes aufbewahrt. Verlage, Verwaltungen, Gerichte und Universit?ten produzieren?und reproduzieren vor allem Texte, und zug?nglich gemacht werden sie in Bibliotheken und Buchhandlungen. Es ist eine ganze Schriftkultur entstanden, und auch wenn manche?Geb?ude der Schriftkultur wie die Bibliothekskathedralen des 19. und 20. Jahrhunderts noch?so imposant sein m?gen, kleinste Ver?nderungen in ihrem Fundament, der Praxis des Lesens und Schreibens, k?nnen sie über kurz oder lang zum Einsturz bringen.?

 

Bibliografie

Proceedings of the Symposium on Eye Tracking Research an Application (ETRA 2012), New?York 2012.

Alter, Alexandra: Your E-Book Is Reading You. In: The Wall Street Journal vom 19.7.2012.

Association for Computational Linguistics (Hg.): Proccedings of the Second Workshop on Computational Linguistcs and Writing (CL&W 2012), Avignon 2012.

Bardini, Thierry: Bootstrapping. Douglas Engelbart, coevolution, and the origins of personal computing, Stanford, Calif 2000.

Bateman, John A.: Angewandte natürlichsprachliche Generierungs- und Auskunftsysteme. In: Carstensen/Ebert/Ebert/Jekat/Klabunde/Langer (Hg.): Computerlinguistik und Sprachtechnologie, S. 633–641.

Bei?wenger, Michael (Hg.): Wikis in Schule und Hochschule, Boizenburg 2012.

Butter, Andrea/Pogue, David: Piloting Palm. The inside story of Palm, Handspring, and the birth of the billion-dollar handheld industry, New York 2002.

Carstensen, Kai-Uwe: Sprachtechnologie. Ein überblick. Version 2.1, http://www.kai-uwe-carstensen.de, 2012.
http://www.kai-uwe-carstensen.de/Publikationen/Sprachtechnologie.pdf.

Dix, Annika/Schüler, Lisa/Weisberg, Jan: (Un)Sicherheit im wissenschaftlichen Schreiben: Webbasierte Untersuchungen zu konzeptionellen Prozessen und Schreibflüssigkeit. In: Lobin/Leitenstern/Lehnen/Klawitter (Hg.): Lesen, Schreiben, Erz?hlen, S. 131–156.

Ebersbach, Anja/Glaser, Markus/Heigl, Richard/Warta, Alexander: Wiki. Kooperation im Web, 2. Auflage Berlin 2007.

Engelbart, Douglas C.: Augmenting Human Intellect: A Conceptual Framework, Menlo Park, CA 1962.

FAZ 12.09.2013: Wer b?se ist, bestimmt der Kunde. Gespr?ch, 12.09.2013. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.9.2013.

Heijnk, Stefan: Texten fürs Web. Planen, schreiben, multimedial erz?hlen. Das Handbuch für Online-Journalisten, 2. Auflage Heidelberg 2011.

Heilmann, Till A.: Textverarbeitung. Eine Mediengeschichte des Computers als Schreibmaschine, Bielefeld 2010.

Lesen, Schreiben, Erz?hlen. Kommunikative Kulturtechniken im digitalen Zeitalter, Hg. von Henning Lobin, Regine Leitenstern, Katrin Lehnen und Jana Klawitter, Frankfurt am Main, New York 2013.

Computerlinguistik und Sprachtechnologie. Eine Einführung, Hg. von Kai-Uwe Carstensen, Christian Ebert, Cornelia Ebert, Susanne Jekat, Ralf Klabunde und Hagen Langer, 3. Auflage Heidelberg 2010.

Internetbasierte Kommunikation, Hg. von Michael Bei?wenger, Ludger Hoffmann und Angelika Storrer, Bremen 2004.

H?fler, Stefan/Sugisaki, Kyoko: From Drafting Guideline to Error Detection: Automating Style Checking for Legislative Texts. In: Association for Computational Linguistics (Hg.): Proccedings of the Second Workshop on Computational Linguistcs and Writing (CL&W 2012), S. 9–18.

Horacek, Helmut: Textgenerierung. In: Carstensen/Ebert/Ebert/Jekat/Klabunde/Langer (Hg.):?Computerlinguistik und Sprachtechnologie, S. 436–465.

Jucker, Andreas H./Dürscheid, Christa: The Linguistics of Keyboard-to-screen Communication. A New Terminlogical Framework. In: Linguistik online, 56 (2012) 6/12, S. 39–64.

Kallass, Kerstin: Schreibprozesse in der Wikipedia. Eine linguistische Analyse 2012.

Küchemann, Fridtjof: Die Globalisierung der Lehre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.3.2013.

Lehnen, Katrin: Kooperative Textproduktion. Zur gemeinsamen Herstellung wissenschaftlicher Texte im Vergleich von ungeübten, fortgeschrittenen und sehr geübten SchreiberInnen, Bielefeld 2000.

Leijten, Marielle/Macken, Lieve/Hoste, Veronique/van Horenbeeck, Eric/Waes, Luuk: From character to word level: Enabling the linguistic analyses of Inputlog process data. In: Association for Computational Linguistics (Hg.): Proccedings of the Second Workshop on Computational Linguistcs and Writing (CL&W 2012), S. 1–8.

Liang, Zhen/Fu, Qiang/Chi, Zheru: Eye Typing of Chinese Characters. In: Proceedings of the Symposium on Eye Tracking Research an Application (ETRA 2012), S. 237–240.

Lobin, Henning: Inszeniertes Reden auf der Medienbühne. Zur Linguistik und Rhetorik der wissenschaftlichen Pr?sentation, Frankfurt am Main, New York 2009.

—: Die wissenschaftliche Pr?sentation. Konzept, Visualisierung, Durchführung, Paderborn 2012.

MacKeown, Kathleen R.: Text generation. Using discourse strategies and focus constraints to generate natural language text, Cambridge 1992.

Matzen, Nea: Onlinejournalismus, 2. Auflage Konstanz 2011.

Monrose, Fabian/Rubin, Aviel D.: Keystroke dynamics as a biometric for authentication. In: Future Generation Computer Systems, 16 (2000), S. 351–359.

Naughton, John: A brief history of the future. The origins of the Internet, London 2000.

Nazar, Rogelio/Renau, Irene: Google Books N-gram Corpus used as a Grammar Checker. In:?Association for Computational Linguistics (Hg.): Proccedings of the Second Workshop on Computational Linguistcs and Writing (CL&W 2012), S. 27–34.

Nentwich, Michael/K?nig, René: Cyberscience 2.0. Research in the age of digital social networks, Frankfurt am Main, New York 2012.

Radvan, Florian: Digitales Schreiben im Deutschunterricht. In: Lobin/Leitenstern/Lehnen/Klawitter (Hg.): Lesen, Schreiben, Erz?hlen, S. 107–130.

Rettberg, Jill W.: Blogging, Cambridge, UK, Malden, MA 2008.

Theisohn, Philipp: Plagiat. Eine unoriginelle Literaturgeschichte, Stuttgart 2009.

Utterback, James M.: Mastering the dynamics of innovation. How companies can seize opportunities in the face of technological change, Boston, MA 1994.

Wang, Kai: Die Eingabemethoden für chinesische Zeichen und deren Anwendung in Chinesisch als Fremdsprache. Master-Thesis 2012.

Wikimedia Deutschland e.V.: Alles über Wikipedia und die Menschen hinter der gr?ssten Enzyklop?die der Welt, Leipzig 2011.

Fussnoten
  1. Engl. ?A research center for augmenting the human intellect“. Die Pr?sentation ist in kommentierter Fassung unter http://sloan.stanford.edu/MouseSite/1968Demo.html zu finden, in h?herer Aufl?sung, aber unkommentiert unter http://www.youtube.com/watch?v=yJDv-zdhzMY. Weitere Informationen zum Online-System und der Demonstration 1968 finden sich unter http://sloan.stanford.edu/MouseSite/. Das ursprüngliche Konzept des Systems ist in Engelbart beschrieben. Zu den Ideen von Engelbart vgl. auch Heilmann, S. 155–168. und vor allem Bardini. Engelbarts eigene Aussagen zu der Demo sind hier ebenfalls zu finden (ebd., S. 138–142.).  zurück
  2. Zur Entwicklung und Funktionsweise des Chord Keyset vgl. ebd., S. 60–62. Zur Entwicklung und Vorgeschichte der Maus vgl. ebd., S. 98–101.  zurück
  3. Die Lizenzgebühren zur Nutzung der Maus lagen bei 40.000 Dollar, vgl. Interview mit Engelbart in der Online-Zeitschrift SuperKids, http://www.superkids.com/aweb/pages/features/mouse/mouse.html.  zurück
  4. Vgl. ebd., S. 140.  zurück
  5. Vgl. Naughton.  zurück
  6. Vgl. Utterback, S. 5.  zurück
  7. Eine überblick über neuere Entwicklungen für Smartphones findet sich unter http://www.spiegel.de/netzwelt/apps/android-schreibhilfen-fuenf-apps-fuer-mehr-tempo-beim- touchscreen-tippen-a-945244.html.  zurück
  8. Vgl. Butter/Pogue.  zurück
  9. Der letzte dokumentierte Rekord von 2008 liegt bei 41,4 Sekunden für einen 160 Zeichen umfassenden Text, vgl. http://www.youtube.com/watch?v=9JcLr0dVshM.  zurück
  10. Es wurde in den USA 1998 unter der Nummer 5818437 patentiert.  zurück
  11. Siehe http://www.livescribe.com/de/.  zurück
  12. Vgl. Liang/Fu/Chi.  zurück
  13. Vgl. den Beispieltext unter http://edupad.ch/0tFv3TvwlZ. Der ?Film“ l?sst sich unter ?Timeslider“ aktivieren.  zurück
  14. Vgl. Liang/Fu/Chi.  zurück
  15. Zum folgenden vgl. Dix/Schüler/Weisberg.  zurück
  16. z.B. PerfectIT von Intelligent Editing, WhiteSmoke (http://www.whitesmoke.com/) oder Antidote (www.druide.com/antidote.html) für die franz?sische Sprache.  zurück
  17. Vgl. z.B. http://www.frauennrw.de/nachrichtenarchiv/j2012/m01/pm12-01-27_office-tool- geschlechtergerecht-schreiben.php. Das Programm ist unter http://gendering.codeplex.com/ zu beziehen.  zurück
  18. Siehe dazu z.B. auch H?fler/Sugisaki und Nazar/Renau.  zurück
  19. Vgl. http://research.microsoft.com/en-us/projects/WritingAssistance/.  zurück
  20. Vgl. http://research.microsoft.com/en-us/projects/msreslassistant/.  zurück
  21. S. http://jsimlo.sk/notepad/.  zurück
  22. S. http://www.openoffice.org/de/  zurück
  23. Vgl. Wang, S. 14–19.  zurück
  24. S. http://www.plotbot.com/.  zurück
  25. www.coliloquy.com, vgl. Alexandra Alter: Your E-Book Is Reading You. In: The Wall Street Journal vom 19.7.2012.  zurück
  26. Vgl. Bateman. Zur übersicht vgl. Carstensen, S. 167–179.  zurück
  27. Vgl. MacKeown und Horacek.  zurück
  28. Vgl. www.narrativescience.com. Ein anderer Anbieter einen ?hnlichen Software, die sich st?rker an Journalisten zur Unterstützung ihrer Arbeit richtet, ist Automated Insights (www.automatedinsights.com).  zurück
  29. S. www.forbes.com/sites/narrativescience/.  zurück
  30. Vgl. Monrose/Rubin und Fridtjof Küchemann: Die Globalisierung der Lehre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.3.2013, S. N5.  zurück
  31. Vgl. Leijten/Macken/Hoste/van Horenbeeck/Waes.  zurück
  32. Vgl. Fridtjof Küchemann: Die Globalisierung der Lehre. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 13.3.2013, S. N5.  zurück
  33. Vgl. FAZ 12.09.2013: Wer b?se ist, bestimmt der Kunde. Gespr?ch, 12.09.2013. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12.9.2013.  zurück
  34. “How Users Read on the Web: They don’t.” S. www.nngroup.com/articles/how-users-read-on-the-web/  zurück
  35. Vgl. z.B. Heijnk oder Matzen.  zurück
  36. Siehe www.apple.com/de/support/ibooksauthor/.  zurück
  37. Zu den verschiedenen Rollen, die ein Pr?sentator einzunehmen hat, vgl. Lobin, S. 137–144. und Lobin, S. 22–26.  zurück
  38. Vgl. Rettberg.  zurück
  39. Zum literarischen Plagiat und zur Abgrenzung zur Montage vgl. Theisohn.  zurück
  40. Vgl. z.B. Ebersbach/Glaser/Heigl/Warta.  zurück
  41. Vgl. Wikimedia Deutschland e.V.  zurück
  42. S. www.mediawiki.org.  zurück
  43. Vgl. Bei?wenger, Kallass und Nentwich/K?nig, S. 72–100.  zurück
  44. Siehe http://etherpad.org/ und https://www.zoho.com/docs/.  zurück
  45. Vgl. http.//www.padlet.com.  zurück
  46. Derartige Schreibsituationen ohne technische Unterstützung untersucht Lehnen.  zurück
  47. Siehe http://www.kingdomkeepersinsider.com/.  zurück
  48. Vgl. Bei?wenger.  zurück
  49. Vgl. z.B. Nentwich/K?nig, S. 50–72.  zurück
  50. Vgl. z.B. Jucker/Dürscheid und die Beitr?ge in Bei?wenger/Hoffmann/Storrer, Bei?wenger.  zurück
  51. Siehe www.facebook.com/Zwirbler.Roman.  zurück

0 Kommentare

 

Einen Kommentar verfassen

Bitte füllen Sie alle Felder aus.
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht ver?ffentlicht.